Indien – eine Woche danach

Die Finanzkrise hat Indien erreicht – den Diskussionen vor Ort nach mit wilden Auswirkungen auf die deutschen Mitarbeiter von Firmen mit großen „Ablegern“ in Indien.

Zunächst: Indien ist endgültig in der „zivilisierten Welt“ angekommen. Indien (oder wenigstens Bangalore) hat „Zivilisationskrankheiten“: Sowohl die Selbstmord- als auch die Scheidungsquote sind im letzten Jahr dramatisch gestiegen. Es gibt seit neuestem auch so etwas wie Akademiker-Arbeitslosigkeit (Zitat: Arbeitslosigkeit hatten wir hier schon immer – und sie war schon immer so hoch, daß keiner sie gemessen hat. Neu ist, daß es jetzt auch die Akademiker erwischt).

Ein Freund in einer Management-Position berichtete, daß er in den letzten zehn Jahren eine Gehaltssteigerung um einen Faktor 200 geschafft hat. Er ist zu einer „normalen“ Zeit eingestiegen und kann mit den durch die Finanzkrise bedingten Einschnitten umgehen: Er hat eine Zeit mit „normalen“ Löhnen erlebt. Vorübergehend war die Lage anders: Berufseinsteiger in der IT haben unglaublich verdient (Die Schlagzeile vor sechs Jahren war: Ein IT-Berufseinsteiger kann sich beim Einstieg ein Motorrad leisten, vor drei Jahren schon ein Auto). Die Menschen dieser Generation kamen auf einem weit überhöhten Niveau ins Berufsleben. Sie haben sich teilweise hoch verschuldet, um Immobilien oder ihren Lebensstil zu finanzieren und wissen jetzt keinen Ausweg mehr. Der Cartoon auf einer Tageszeitung illustriert die Lage: ein Kind, das seinen Vater (in Anzug und Krawatte) fragt: Papa, wann fangen wir an zu betteln?

Kurz: Die Stimmung ist schlecht.

Die Konsequenz daraus ist, daß jeder, der einen Job hat, sich fest daran klammert. Wie auch hier gilt das Prinzip, wer zuletzt kommt, geht als erster. Und jeder freut sich über einen Neueinsteiger im eigenen Bereich: (Wieder) einer, der vor mir geht…

Für die Firmen in Indien ist das aus zwei Gründen wie ein Sechser im Lotto:

  • Sie können ihre guten Mitarbeiter halten und nicht nur von „abstrakter“ Erfahrung aus anderen Firmen profitieren, sondern auch von der im eigenen Hause erworbenen, sehr viel spezifischeren.
  • Es ist das Mittel, um gegen den „schlechten Ruf“ im Ausland anzugehen, daß die Fluktuation viel zu hoch sei

Indien wird nach wie vor ein Ort für kostengünstige Fachkräfte sein. Während „früher“ der Trend war, daß die „Offshore-Kollegen“ den Job wechseln, sobald sie nach deutschem Verständnis eingelernt sind, können wir jetzt damit rechnen, daß die Kollegen bald auch ähnlich erfahren sein werden wie die Kollegen in Deutschland: Gute Manager, gute Projektleiter, gute Experten, etc.

Für Deutschland galt in vielen Firmen seit einiger Zeit Einstellungsstopp. Um den Mitarbeitern in Deutschland eine Perspektive zu geben und die hohen Fluktuationen und das damit ständig abwandernde Fachwissen in Indien zu kompensieren, wurden in Deutschland oft die Strukturen in Indien (Manager, Projektleiter etc.) noch einmal kopiert: Während in Indien ein ständiges „Ausbilden“ stattfand, war die tatsächliche Erfahrungsbasis in Deutschland.

Das wird bald nicht mehr nötig sein.

Und die Firmen werden feststellen, daß sie in Deutschland „viele Häuptlinge, wenige Indianer“ (und einen Einstellungsstopp) haben, während in Indien die gesamte Struktur noch ausgewogen ist. Von einem Generationsproblem ganz zu schweigen: Da die Einstellungsstops in Indien mehrere Jahre später kamen als hier kann das Durchschnittsalter in Indien 5-10 Jahre niedriger liegen als in Deutschland – was die Kommunikation über Standortgrenzen nicht unbedingt erleichtert.

Und wahrscheinlich ist dieser Themenkomplex nicht auf Indien beschränkt. Wahrscheinlich funktioniert es so oder so ähnlich auch in Teilen von China usw.

Die Finanzkrise ist in Indien angekommen. Quo vadis, Deutschland?