Grenzt zunehmende Technologisierung ältere Menschen aus?

Hannelore schreibt unter dem Titel „Grenzt zunehmende Technologisierung ältere Menschen aus?„. Ich sehe das anders, so wie viele: Exzessive Netz-Nutzung grenzt uns jüngere aus: Wir sollten nicht vergessen, daß die sogenannten „älteren“ in der Überzahl sind!

Natürlich kenne ich die in den Kommentaren genannten Probleme, aber noch gibt es – wenigstens hier in Deutschland – in jedem Städtchen ein paar Bankfilialen und Briefkästen und so. Die Welt der Netz-Verweigerer wird nicht „kleiner“, sie bleibt ungefähr, wie sie war. Die Welt der Netz-Nutzer wird beständig größer, und die Verweigerer haben daran nicht teil. Sie haben sich das so ausgesucht.

Ich denke, es gibt zwei Wurzeln, an denen Netz-Verweigerung sozusagen „andockt“:
– Abstraktion
– Vertrauen

Unter Abstraktion verstehe ich dabei einige der Themen, die A bzw. Thoma im Kommentar angesprochen hat: Ein Computer braucht eine Einführung. Das Problem mit der „Computer-Techniksprache“ hängt ursächlich daran, daß es für eine Abstraktionen wie „Fenster“, „Link“ bzw. „Verknüpfung“ oder „Maus“ außerhalb der Computer-Techniksprache nicht nur kein Wort gibt, sondern das Konzept gar nicht existiert. Man kann es nicht mit normalen Begriffen erklären, weil es keine „normalen“ Konzepte sind. Marketing-Kauderwelsch macht’s nicht besser, aber im Kern geht es um neue Konzepte, neue Abstraktionen, neue Abbildungen der Wirklichkeit. Und: „Wir“ haben gelernt, abstrakt zu denken. Die Gangschaltung im Auto, Fernseher (sogar mit Fernbedienung), die Wählscheibe am Telefon, die „Platte“ (erst Vinyl, dann CD) und die „Kassette“ – all das sind Abstraktionen, mit denen wir aufgewachsen sind. Unsere Eltern sind in diesem Sinne in einer konkreten Welt aufgewachsen: Maier, Müller, Schmidt – Villingen, Schwenningen, Metzingen – Wurst, Käse, Eier. Das Leben unserer Eltern war bestimmt von Dingen, die man in die Hand nehmen konnte. Aus dieser Welt grenzen wir uns aus, wenn wir nicht aufpassen.

Unter Vertrauen sehe ich die weiteren Themen: Wie bekommen unsere Eltern ein Gefühl dafür, wenn sie „etwas kaputt machen“? Wann sie ihren Online-Banking-Account für die Welt öffnen? An der Oberfläche scheint es sich um Vertrauen in die Technik zu drehen, aber wenn man gut zuhört findet man, daß der Knackpunkt das Selbstvertrauen im Umgang mit der Technik ist. Nun, Vertrauen hat etwas mit Vertrautheit zu tun, und solange die Praxis nicht da ist, bleibt die Vertrautheit aus.

Keine Praxis, keine Vertrautheit. Keine Vertrautheit führt zu Angst und Unwillen, Angst und Unwillen verhindern Praxis. Ein Teufelskreis.

Der Umgang mit körperlicher und geistiger Unbeweglichkeit, den Hannelore anspricht, ist eigentlich der zentrale Hebel. Zum Abschluß, weil’s einfach zum niederknien schön ist, Hannelore in ihren eigenen Worten:

Ich […] weiß ganz genau, wenn ich mich nicht ständig auf dem Laufenden halte (nicht nur beim Anwenden, sondern auch im selbst erstellen), dann wird die Wissenslücke immer größer und die Lernkurve zum Aufholen immer steiler. Im Übrigen habe ich festgestellt, dass ich schneller lerne je älter ich werde, weil sich meine Wissensbasis erweitert und weil ich mich beeilen muss, denn es gibt plötzlich ein faszinierendes und riesiges Angebot.