Technikfolgenabschätzung-folgenabschätzung

Technikfolgenabschätzung ist in Deutschland beliebter ein Volkssport. Genau genommen: Technikfolgen-Kritik. Schwarzmalereien zu beliebigen Themen sind fast so beliebt wie Fußball – und wie beim Fußball ein Volk von 80 Millionen Nationaltrainern sind die Deutschen auch bei der Technikfolgen-Kritik ein Volk mit 80 Millionen Experten. Wo vor 100 Jahren Nostradamus den Untergang der Welt prophezeite, sind es heute die Technikfolgenabschätzer.

Doch was sind die Folgen dieser Suche nach den Folgen? – Eine Technikfolgenabschätzung-Abschätzung am Beispiel. Und wer jetzt die verpassten Chancen von Gentechnik, Atomkraft und Internet erwartet, hat sich getäuscht.

Das Beispiel beginnt ganz harmlos in einem ganz normalen deutschen Wohnzimmer; einem, wie es heute viele gibt und bald noch viel mehr geben wird: Einem Seniorenwohnzimmer. Ein Ehepaar wohnt hier und genießt den wohlverdienten Ruhestand. Genießt? – Naja, es ist ein genießen mit Hindernissen, denn … nennen wir sie der Einfachheit halber „Oma“ … leidet an Altersdepressionen. Es liegt in der Natur der Sache, daß „Omas“ Schwierigkeiten „Opa“ mit hineinziehen. Oma will nicht mehr in Urlaub fahren, mag keinen Besuch und geht nicht mehr mit Opa in den „Wienerwald“, nimmt jeden gutgemeinten Rat von Opa sehr tragisch und so weiter. Auf diese Weise leidet „Opa“ mit, und natürlich die ganze restliche Familie auch.

Zum Glück gibt es Medikamente gegen Depressionen, eigentlich sogar sehr gute Medikamente. Oma hatte ihre Arzt angesprochen und „sowas“ verschrieben bekommen. Weil der Arzt gesagt hat, sie solle jeden morgen eine nehmen, nahm sie jeden morgen eine. Nach ein paar Tagen ging es Oma besser. Dann ging es Opa besser, und dann war das Leben für die ganze Familie wieder viel leichter.

Natürlich gab es Nebenwirkungen: Zuerst hatte Oma fürchterliche Alpträume, aber – wie der Arzt es vorhergesagt hatte – nach ein paar Wochen war das vorbei. Und Oma war vormittags nach der Tablette fürchterlich müde, und das blieb. Aber sonst ging es allen gut.

Bis zum 10. November 2009: Ganz Deutschland heulte auf: Robert Enke, der Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, war gestorben. Er war nicht irgendwie gestorben, er hatte sich an einem Bahnübergang das Leben genommen.

Ganz Deutschland wurde zum nationalen Experten für … alles: Für den Druck, berühmt zu sein, für die Tragik des Lebens an sich, und für die Normalität von Drogenmißbrauch unter Promis. Und: Für die Nebenwirkungen von Psychopharmaka. Oma las auch viele dieser Artikel. Am 11. November nahm sie ihre Tablette noch. Am 12. November nahm sie sie nicht mehr. Wenige Tage später war sie wieder reizbar und nahm vieles persönlicher. Dann mochte sie keinen Besuch mehr, dann wollte sie nicht mehr in den Wienerwald gehen. Opa beginnt wieder mitzuleiden, und bald leidet die ganze Familie mit.

Bis zum 11. November war die Welt noch in Ordnung, bis zu irgendeinem Tag, an dem eine dämliche Boulevardzeitung die Arbeit von hunderten Ärzten, Apothekern und Medizinern schlecht geredet hat. Bei Oma waren Profis an der Arbeit, die Tabletten hatte ihr ihr langjähriger Hausarzt verschrieben – kein profitgieriger „Halbgott in weiß“. Natürlich hatte ein Pharmakonzern daran verdient – aber die kurze Zeit ohne Depression hat gezeigt: Das war das Geld wert.

Oma, das könnte ich sein, geneigter Leser, oder Du. Vielleicht nicht heute, sondern erst in 10, 20, 30 Jahren. Vielleicht sind es keine Antidepressiva, sondern meinetwegen ein selbstfahrendes Auto, wer weiß. Oder vielleicht doch Gentherapie, Atomkraft und Internet.

Technikfolgenabschätzung ist in Deutschland ein beliebter Volkssport. Vielleicht sollten wir nicht nur darüber nachdenken, welche Folgen eine Welt mit dieser Technik hat, sondern auch ohne? Habe ich das Recht, Dir die Medikamente wegzunehmen, weil Du Nebenwirkungen erleben könntest?

Also: Bitte etwas mehr Technik-Optimismus. Etwas mehr Technikfolgenabschätzung-folgenabschätzung.

P.S.: Dies ist kein bedingungsloses Plädoyer für Psychopharmaka im speziellen oder Technikgläubigkeit im Allgemeinen. Es ist ein Plädoyer für genauer hinsehen und sich eine differenzierte Meinung bilden, ein Plädoyer für mehr Vertrauen zu den Experten, und ein Aufruf an die Experten, sich dieses Vertrauens würdig zu erweisen.