Fünf Thesen zur Transparenz

Ich finde Transparenz gut und wichtig. Aus meiner Arbeit mit dem World Wide Web Consortium habe ich da auch meine eigene Erfahrung dazu. Da ich in der Piraten-Welt den richtigen Anlaufpunkt noch nicht gefunden habe, schreibe ich jetzt einfach hier und hoffe, dass die Erfahrungen ihren Weg finden. Als Angebot, es muss ja niemand annehmen.

Transparenz ist nicht „ja“ oder „nein“

Als Einstieg  etwas eher offensichtliches: Transparenz ist nicht „ja“ oder „nein“, nicht „schwarz“ oder „weiß“. Transparenz ist „mehr“ oder „weniger“. Vollständige Transparenz ist praktisch nicht machbar und – siehe unten – auch nicht sinnvoll: Um alles zu erfassen, was relevant sein könnte,  müsste man 24/7 durch die Augen der Person sehen, mit ihren Ohren hören und ihrem Körper fühlen. Außerdem bräuchte man Zugang zur Erinnerung, um nachvollziehen zu können, wie ein bestimmtes Ereignis (bspw. eine Mittagessens-Einladung) eingeordnet wird (schmeckt toll, schmeckt doof) während relevante Information präsentiert wird.

Keiner hat die Zeit, das Leben eines anderen zu leben – die Meisten haben mit ihrem eigenen Leben schon genug zu tun. Also ist irgendeine Form von Verdichtung (Generalisierung, Auslassung und damit auch Verzerrung) zwingend notwendig. Das drückt sich beispielsweise in einem Bericht eines Piraten zum Thema „Parlamentsarbeit“ aus (finde dummerweise gerade den Link nicht), in dem er sinngemäß schreibt: Die Kollegen von den anderen Parteien bekommen die Papierstapel im Landtag von ihren Mitarbeitern zusammengefasst, ich muss die Papierberge selbst durcharbeiten.

Also: Auf welcher Detail-Ebene wollt ihr die Transparenz wirklich?

Vertraulichkeit muss sein, gerade in der Politik

Angenommen wir beobachten eine Partie Schach zwischen zwei etwa gleich starken Spielern. Spieler A spielt ganz normal, Spieler B andere lässt alle, auch seinen Gegner, an jeder seiner Überlegungen teilhaben.  Wer gewinnt?

Ich glaube, ein gewisses Maß an Vertraulichkeit in der Politik ist eine Notwendigkeit, um erfolgreiche Politik zu machen – also nicht (nur) Politik, die für die Politiker erfolgreich ist, sondern vor allem Politik, die für die Bürger erfolgreich ist. Natürlich wird jetzt der eine oder andere sagen: Bei Politik geht es doch darum, dass alle gewinnen – und das sehe ich mit Einschränkungen auch so. Doch es gibt auch Maßnahmen, die sich eindeutig „gegen“ jemanden richten. Im Rahmen der Finanzkrise 2007 waren beispielsweise viele Maßnahmen „gegen“ die Banken im Gespräch, die irgendwie alle im Sand verlaufen sind.

Gerade im Rahmen der Finanzkrise haben wir auch deutlich gesehen, wie viel Schaden „Transparenz“ anrichten kann: Jedes Mal, wenn ein „Meinungsbildner“ (bevorzugt aus den USA) den Mund aufgemacht hat, ist der Euro um einen halben Cent gefallen. Wohlgemerkt: Da ist nichts „reales“ passiert, es war einfach nur eine Meinungsäußerung, und ich hatte oft den Eindruck, dass die Amis einfach von ihren eigenen Staatsschulden ablenken wollten und wir doofen Europäer sind ihnen immer wieder auf den Leim gegangen. Außenpolitik ist auch so ein Feld mit viel „gegeneinander“, dieser Kommentar-Thread bei Google+ zwischen Josef Dietl, Frank Hartmann und Detlef Salzmann hat das schön illustriert:

[…]

Ein kurzer Blick nach Syrien zeigt, dass das Schlachten weitergeht, bis Assad glaubwürdig bedroht wird. Ich bin ein großer Freund von Verhandlungslösungen, doch meiner Erfahrung nach finden manche Verhandlungen überhaupt erst statt, wenn sich die BATNA, die „best alternative to a negotiated agreement“ für die andere Verhandlungspartei drastisch verändert. Um beim Beispiel Syrien zu bleiben: Warum sollte Assad seinen Kurs ändern, was hat er zu verlieren? Sogar Mahatma Gandhis Arbeit hat so funktioniert: Seine Gegner haben ihr Gesicht verloren.

[… in einem späteren Kommentar …]

Allerdings sind Informationen, die erst nach dem Krieg öffentlich wurden, keine Maßstäbe für Transparenz. Die Geheimdienstberichte zum Irak wären beispielsweise auch nach der skizzierten Piraten-Policy nicht vorher öffentlich geworden. Transparenz hätte wohl nur in einer Konstellation wirklich geholfen: Wenn Hussein früh glaubhaft gemacht hätte, dass er keine Atombomben hat. Doch er hatte Angst vor einer Invasion durch seine Nachbarn und wollte die abschrecken. Den Rest kennen wir: Die Geheimdienste haben den Bluff nicht aufgedeckt und so weiter.

Der Job der Geheimdienste ist also unter anderem, herauszubekommen, wo der Gegner blufft und wo nicht. Das ist wertvolle Information, denn mit diesem Wissen ändern sich die BATNAs (best alternative to a negotiated agreement), und damit ändert sich der Verlauf der Verhandlung bevor es zum Krieg kommt. […]

Last but not least, ein letztes Beispiel für „zu viel Transparenz“ waren die Rocker-Razzien: Auch bei solchen großangelegten Polizei-Aktionen muss das Dichthalten zuverlässig funktionieren.

Kurz: In gerade den Fällen, in denen wir uns Transparenz wirklich wünschen,  ist sie tatsächlich gefährlich.

Ist Transparenz das Ziel, oder ein Mittel zum Zweck?

Für mich ist mehr Transparenz nicht das Ziel selbst, sondern vor allem ein Mittel zum Zweck.
Der Zweck ist, einen Staat (eine Welt?) zu schaffen, in der die Menschen frei und glücklich leben und sich entfalten können (ungefähr…). Es sind Staaten denkbar, die wenig transparent sind und wo es den Menschen „trotzdem“ gut geht. Die frühe Bundesrepublik wäre dafür ein Beispiel.

Ein wichtiges Teilziel dabei ist dass die Menschen so weit wie möglich mit ihrer Regierung einverstanden sind. Dazu ist ein inhaltlich hochwertiger Autausch notwendig, und dafür ist Transparenz der entscheidende Gedanke: Damit die Bürger die Entscheidungen der Regierung nachvollziehen können, müssen die sachlichen Grundlagen der Entscheidung so weit als möglich transparent sein. Dazu ist Transparenz wirklich da.

Übrigens, umgekehrt stehen die Bürger dann in der Pflicht, das zur Verfügung stehende Material auch qualifiziert zu nutzen und in einem zivilisierten Gesprächston zur Debatte beizutragen.

Niemand kann Transparenz erzwingen.

Viele der Forderungen nach Transparenz, die ich sehe, zielen auf ein Verhalten. Sie zielen darauf, dass eine andere Person „mir“ offen etwas erzählen soll. Dieses Verhalten lässt sich dummerweise nicht erzwingen, es lässt sich nur fördern. Die wichtigste Voraussetzung dazu ist offensichtlich Vertrauen. Weder Vertrauen noch Transparenz wird man bekommen, wenn man es fordert. Wenn man sich Vertrauen erarbeitet, kommt die Transparenz quasi von alleine.

Wer hier versucht, eine Abkürzung zu gehen, drückt nur die „wichtigen“ Diskussionen in die Hinterzimmer. Dort sind sie ebenso wenig transparent wie im heutigen System, nur man bekommt sie von dort noch schwerer wieder ans Licht, da es sie offiziell gar nicht mehr gibt.  Ich finde es interessant, dass dieser Gedanke die gleiche Struktur hat, wie ein Argument aus der Drogendiskussion: Wenn man die Drogen komplett verbietet, drückt man sie nur noch weiter in den Untergrund und provoziert Beschaffungskriminalität. Auf den Fall von Transparenz übertragen bedeutet das: Wer vertrauliche Gespräche verbiete, drückt sie ins Hinterzimmer – und provoziert „Beschaffungskriminalität“, d.h. die „Täter“ werden erpressbar, damit manipulierbar, damit noch intransparenter.

Unsere Gesellschaft bestraft Transparenz

Damit kommen wir zum abschließenden Punkt: Wer tatsächlich die Transparenz vergrößern will, sollte sich dafür einsetzen, dass Menschen Fehler machen dürfen, dass Menschen verziehen wird. Auch wenn manche es nicht hören wollen: Auch Politiker sind Menschen. Auch Vorstände und Aufsichtsräte sind Menschen. Auch Banker sind Menschen. Das aktuelle Beispiel ist die Teppich-Affäre von Minister Niebel. Hat er alles richtig gemacht? – Nein, zweifellos nicht. Bei allem Symbolwert der Angelegenheit: ist ein Teppich für 1200$ Grund genug, um einen Minister hinauszuwerfen? Was würde passieren, wenn die Oppositionsparteien, statt den Rücktritt zu fordern sagen würden: „Herr Niebel, das darf nie wieder vorkommen. Und jetzt konzentrieren wir uns wieder auf die Sache“. (Abgesehen davon,dass dann die Opposition im Zentrum eines weiteren Shitstorms stünde). Natürlich kommen weitere Unregelmässigkeiten zu Tage, wenn ein Untersuchungsausschuß genauer hinschaut. Wer von uns verhält sich den ganzen Tag über ausnahmslos korrekt? Noch nie einen Strafzettel bekommen? Wer ohne Sünde ist, darf mit Steinen werfen. Ich bin es nicht.

Und die Empörungsgesellschaft schadet uns allen sehr. Wer erinnert sich noch an die Affäre Strauß-Kahn (der hat auch unzweifelhaft Fehler gemacht…)? – Wer erinnert sich noch an DSKs ursprüngliche Pläne für den Tag nach seinem Rückflug? – Genau: IMF-Hilfspaket für Griechenland unterschreiben. Diese Unterschrift hat sich über dieses Manöver erheblich verzögert, und das Ganze hat Europa sehr geschadet.

Unsere Shitstorm-Gesellschaft verzeiht keine Fehler, doch die Menschen in dieser Gesellschaft sind nach wie vor Menschen, sogar die Politiker, Banker und Unternehmenslenker. Es wäre viel einfacher, mehr Transparenz zu schaffen, wenn die Empörungsgesellschaft sich etwas kritischer empören würde, nämlich nur in den Fällen, in denen sich die Empörung lohnt. Aber ehrliche Selbstkritik ist – bei aller Wisdom of the Crowds – in einem Shitstorm nicht mehr drinn.

Fazit 1: Ich weiß, dass ich’s nicht weiß.

Ich finde Transparenz gut, und ich finde auch die Transparenzdiskussion gut. Ich bin für mich noch nicht zu einem abschließenden Ergebnis gekommen, wann / wo / wie / wieviel Transparenz nützlich ist und  wann / wo / wie / wieviel Transparenz schädlich ist. Klar ist für mich nur, dass es beides gibt.

Fazit 2: Shitstorms sind der Feind der Transparenz.

Klar ist für mich auch, dass die Shitstorm-Gesellschaft mit Forderungen nach mehr Transparenz nicht zusammenpasst..

 

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