Entscheidungsanalyse: Sollen Managergehälter begrenzt werden? (Teil I)

Ursprünglich: ein Beitrag zur Debatte auf Focus Online … („Sollen Managergehälter begrenzt werden?„). Dann vielleicht eher: Inspiriert durch die Debatte bei Focus Online. Jetzt ist es durch, die EU hat – wieder einmal – entschieden. Doch was bedeutet das, welches Ziel erreichen wir dadurch wirklich?

Die Debatte um Managergehälter hat jeden Sachbezug verloren. Zeit, das Thema systematisch zu analysieren – mit den in Deutschland kaum bekannten Mitteln der Entscheidungsanalyse. Ein gewichtiges Wort dazu im Voraus: Mein Ausbilder zum Thema sagte immer wieder:

Decision analysis serves to create transparency over actual preferences. That’s why it is rarely used in practice.

(Entscheidungsanalyse dient dazu, Transparenz über die tatsächlichen Prioritäten herzustellen. Darum wird sie in der Praxis kaum angewandt.)

Der Sinn dieses Artikels ist nicht, zu einer abschließenden Erkenntnis zum Thema zu kommen. Ich möchte mit diesem Artikel vielmehr Ihnen / euch da draußen ein Mittel erschließen, um politischen Debatten schneller auf den Grund zu gehen.

Die erste wichtige Frage ist: Was ist der Sinn der Sache, zu welchem Ziel soll das alles dienen? Was wollen wir damit erreichen? Ist es wirklich ein Problem, wenn manche Menschen richtig viel Geld bekommen/verdienen? Das ist die erste Frage, die in  typischen Medienberichten zum Thema unter den Tisch fällt.

Einschub: Wer in einer Gedankenwelt lebt, in der die Geldmenge fest ist, kann an dieser Stelle nur sagen: Natürlich ist es ein Problem, wenn manche Menschen zehn- und hundertmal so viel verdienen wie andere. Denn weil die Geldmenge fest ist, fehlt dieses Geld anderen Menschen.

Doch die Geldmenge ist nicht fest. Um nur das offensichtlichere anzuführen: Jeder vergebene Kredit erhöht die Geldmenge, jeder getilgte Kredit vermindert sie. Allein durch die Mengen an Staatsschulden, die jedes Jahr neu ausgegeben werden, variiert die Geldmenge so stark, dass dieses Argument nicht funktioniert. Dass Otto Normalverbraucher davon keinen Nutzen hat, hat das andere Gründe.

Zurück zu der Frage nach den Zielen einer Gehaltsbegrenzung für Manager. Darauf gibt es  viele verschiedene mögliche Antworten, und hier entfaltet sich zum ersten Mal die Macht der Entscheidungsanalyse. Hier ist eine Liste möglicher Ziele – und je nachdem, welches Ziel wir verfolgen, kann eine Begrenzung der Managergehälter ein taugliches Mittel sein oder eben nicht. In den Schaubildern später werden noch mehr mögliche Ziele auftauchen.

  1. Ja, das Ziel ist (aus irgendeinem Grund) die Spitzeneinkommen in einem gewissen Bereich zu halten
  2. Nein, das eigentliche Ziel ist, die Einkommensschere klein zu halten
  3. Nein, das eigentliche Ziel ist, das Verhalten der Spitzenmanager zu verändern, z.B. den Anreiz, Risiken einzugehen, zu vermindern.

Für einen ersten Einblick, warum diese Frage relevant ist, greifen wir kurz diese drei möglichen Ziele heraus und betrachten oberflächlich, ob die Begrenzung der Managergehälter hier ein taugliches Mittel ist:

Hypothetisches Ziel 1: Spitzeneinkommen begrenzen

Ein kurzer Blick auf die Themenseite der Bundeszentrale für politische Bildung zum Theme Einkommen und Vermögen offenbart Erstaunliches: Die einschlägigen Statistiken sind so grob, dass eine Unterscheidung zwischen Einkommen aus Arbeit und Einkommen aus Kapitalanlage nicht möglich ist. Für mich steht fest: Die echten „Spitzeneinkommen“ sind nicht die Bankmanager, sondern die Menschen mit Einkommen aus Kapitalvermögen. Die Wikipedia-Liste der reichsten Deutschen endet auf Rang 100 mit einem Vermögen von etwa 800 Millionen €. Das bedeutet auch bei mäßiger Verzinsung von 2% ein Jahreseinkommen von 16 Millionen €. Damit berühren die Geschwister Geschwister Eckes-Chantré an Platz 100 der Liste für Deutschland bei wirklich konservativer Schätzung den Einkommensbereich, in dem eine handvoll Spitzenmanager Europaweit rangieren.

Bezeichnend ist auf der Liste der reichsten Deutschen auch, dass von den Top 100 keiner durch „Arbeit“ auf die Liste gekomen ist – es handelt sich allesamt um Unternehmer.

Zurück zum Thema unserer Untersuchung: Falls es also wirklich um eine Grenze für Spitzeneinkommen gehen sollte, wäre eine Begrenzung der Managergehälter definitiv das falsche Mittel. Erst recht, da es sich um eine Begrenzung ausschließlich der Bank-Boni handelt und andere Unternehmen ähnliche Gehälter ausschütten.

Hypothetisches Ziel 2:  Einkommensschere begrenzen

Nachdem wir gerade geklärt haben, dass Gehaltsgrenzen für Manager die tatsächlichen Spitzeneinkommen nicht antasten,  wird diese Maßnahme auch nichts tun, um die Einkommensschere zu begrenzen. Abgesehen davon: Falls diese Hypothese zuträfe müsste man prüfen, ob nicht über eine Erhöhung der unteren Einkommen oder koordinierte Maßnahmen an beiden „Klingen“ der Schere das gleiche Ziel einfacher zu erreichen ist.

Hypothetisches Ziel 3: Manager-Verhalten ändern

Diesem Phänomen werden Sie bei häufigerer Anwendung der Entscheidungsanalyse öfter begegnen: Dies hier ist nicht das Ziel, egal wie oft Medien und Politiker es wiederholen. Sie können diesen Schein-Zielen auf die Schliche kommen, indem sie sich vorstellen: Angenommen, die Manager haben ihr Verhalten geändert. Na und? Ist das für mich relevant?

Hier ist die Antwort: Gar nicht, es ist nur ein weiteres Glied in der Kette. Denn (erst) wenn die Manager ihr Verhalten ändern, dann wird die Volkswirtschaft robuster und Extremsituationen wie die durch die Lehmann-Pleite ausgelöste Bankenkrise sind einfacher zu managen.

Das bedeutet, es gibt ein „Ziel hinter dem Ziel“, und das ist volkswirtschaftliche Risiken zu minimieren.

Wir formulieren also neu:

Hypothetisches Ziel 3b: Volkswirtschaftliche Risiken minimieren

Wer sich jetzt die Frage gestellt hat „Und dazu soll das nützen?“ kommt dem Nutzen der Entscheidungsanalyse auf die Spur, denn ob eine Begrenzung der Bank-Boni relativ zu diesem Ziel tatsächlich ein taugliches Mittel ist,  ist nicht offensichtlich.

Im zweiten Teil dieses Artikels beschäftigen wir uns mit einem Einflussdiagramm, um der Frage nach Zielen und Nutzen wirklich auf den Grund zu gehen.

 

Ein Gedanke zu “Entscheidungsanalyse: Sollen Managergehälter begrenzt werden? (Teil I)

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