Die Euro-Krise: Denn wir wissen nicht, worum es geht…

„… denn wir wissen nicht, was wir tun“ wäre eine Lüge. Natürlich wissen die Euro-Demonstranten aller Länder, was sie tun: sie protestieren. Manche für den Euro, andere gegen den Euro. Wirtschafts-Experten aller Fachrichtungen sprechen sich für oder gegen die eine oder andere Maßnahme aus.

Doch wenn wir ehrlich sind: Wir wissen nichts.

Es gibt nur sehr wenige, die zur Euro-Krise wirklich solide informiert sind. Wer jetzt an Wirtschaftsweise wie Peter Bofinger oder Hans-Werner Sinn denkt, die den Geldpolitik über Jahre und Jahrzehnte hinweg in der Tiefe erforscht haben: Ich vermute, auch diese exzellenten Experten sind nicht wirklich solide informiert.

Ich denke, in den Bibliotheken der Regierungen der Welt liegen die wirklich relevanten Informationen. Ist das eine Verschwörungstheorie? – Nein, denn für eine Verschwörungstheorie fehlt ein wichtiges Element: Ich behaupte nicht, den „Missing Link“ zu kennen. Ich behaupte nur, dass es einen „Missing Link“ gibt, und dass wir ihn nicht kennen. Es gibt da einige schöne Beispiele aus der Vergangenheit, und ein paar kleine Elemente aus meiner persönlichen Erfahrung:

Adenauer und der Staat Israel

Ein sehr interessantes Beispiel für Gespräche „hinter den Kulissen“ flackerte kürzlich bei Spiegel Online vorbei. Unter der Überschrift „Wiedergutmachung für Israel: Was Adenauer verschwieg“ wird eine historische Entscheidung aus dem Jahr 1952 aus zweierlei Perspektiven betrachtet. Es geht um die Entschädigungszahlungen der frisch gegründeten Bundesrepublik an Israel. Die damals öffentlich bekannte Begründung war, dass man „einer zwingenden moralischen Verpflichtung“ gefolgt sei.

Inzwischen sind die Sperrfristen für die entsprechenden Kabinettsprotokolle abgelaufen, und scheinbar war der Druck der USA wesentlich für die Höhe der Entschädigungszahlungen.

Es gibt in jeder Firma…

Vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, ein ähnlich gelagertes Thema aus der Firmenpolitik mit einem Ex-Vorstand eines MDAX-Unternehmens zu besprechen. Seine Meinung war kurz und einfach: „Es gibt in jeder Firma Themen, die nur die Geschäftsleitung kennt.“ Etwas anderes zu erwarten sei naiv.

Ellsberg und Kissinger über die Grenzen des Wissens

Kurz vor seiner Amtseinführung in die US-Regierung fand ein Gespräch zwischen Daniel Ellsberg und Henry Kissinger statt, das hier unter dem Titel „Daniel Ellsberg on the Limits of Knowledge“ wiedergegeben wird.

Ich nehme mit: Es gibt diese geheimen Dossiers, und diese Dossiers können im Widerspruch zur öffentlichen Position stehen. Doch die interessanteste Frage ist: Wozu dient das alles?

Der Euro: Brüssel in den späten 90’ern

Aus meiner eigenen Erfahrung in Brüssel in den späten 90’ern. Irgendwann beim Essen sprach ich mit irgendjemandem über EU und Euro. Die Erklärungen waren faszinierend: Die Daseinsberechtigung für EU und Euro liegen außerhalb der Euro-Zone. In den späten 90’ern war schon sichtbar geworden, dass die USA die unangefochtene Vormachtstellung, die sie seit dem Fall der Mauer hatten, nicht halten können würden: Der Aufstig von Indien und China hatte – im weltpolitischen Maßstab – unübersehbar begonnen, und es war damals schon seit langem offensichtlich, dass der Begriff „Wirtschaftsmacht“, den sich zu dieser Zeit die G7 (Deutschland, USA, Japan, Vereinigtes Königreich, Kanada, Frankreich und Italien) teilten, so nicht mehr haltbar sein würde. Die Schwierigkeiten der USA mit dem Außenhandelsdefizit waren offensichtlich, und die japanischen Schwierigkeiten mit Arbeitslosigkeit und Außenhandelsüberschuss waren auch klar. Obwohl bis zur Erfindung des Begriffes „BRIC“ noch ein paar wenige Jahre vergehen würden, waren Russland, Indien und China schon in allen Köpfen. Wenigstens ich hatte Brasilien zu dieser Zeit noch nicht auf dem Radar. Wie würde eine Welt aussehen, in der die USA einen Teil ihrer Macht verlieren und Russland, Indien und China zu den Wirtschaftsmächten hinzustossen? Alles schien auf eine geopolitische Situation hinauszulaufen, in der USA, Russland, China und Indien die neuen Großmächte wären. Japan, Kanada und die europäischen Staaten einzeln würden dagegen in die zweite Reihe gedrängt.

Aus dieser Perspektive heraus ist die Stärkung der europäischen Idee die einzige sinnvolle Alternative. Europa als Ganzes wäre wieder groß und mächtig genug, um in der ersten Reihe dabei zu sein. Allerdings hat diese Idee nach wie vor eine fundamentale Schwäche, die ein gewiefter politischer Gegner von außerhalb der EU ausnutzen kann: Die einzelnen Länder der EU kann man gegeneinander ausspielen, und das scheint hervorragend zu funktionieren.

Und natürlich sind die Regierungen der einzelnen Länder in Europe zunächst ihren eigenen Bürgern verpflichtet. Natürlich hat Präsident Nikos Anastasiadis so hoch gepokert, wie es nur irgendwie ging, um für sein Volk das Beste herauszuholen. Und natürlich hat Angela Merkel für uns das gleiche getan, und alle anderen auch. Und dabei, vermute ich, gibt es eine Menge sehr interessante Geheimdossiers.

So lange ich die Inhalte dieser Dossiers nicht kenne, maße ich mir kein Urteil an. Vielleicht sind dort die entscheidenden Hinweise verborgen, vielleicht nicht.

In einigen Jahrzehnten, sobald die Sperrfristen ablaufen, wissen wir mehr.

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