Wider die Augenwischerei zur Finanztransaktionssteuer

Auf der Webseite vom Manager-Magazin steht gerade ein Artikel mit der Überschrift: „Wie die Regierung den Deutschen die Aktie verleidet„. Der Artikel ist ein schräges Gemisch aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und Seltsamkeiten. Hier ist mein Versuch, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Im Kern geht es dem Autor nicht um den Aktienhandel selbst, sondern um die Möglichkeit der Finanzbranche, Produkte auf Aktienbasis anzubieten.

Fest steht, dass die Deutschen mehr Angst vor Aktien haben als die meisten anderen Menschen in den Industrieländern. Auch die Story von der Doppelbesteuerung ist zunächst einmal richtig.

Die Story über die Finanztransaktionssteuer ist allerdings eine schräge Halbwahrheit. Ein kleiner Blick in den EU-Vorschlag zum Thema offenbart, dass – für normale Aktiengeschäfte – eine Finanztransaktionssteuer von etwa 0,1% geplant ist (Seite 28). Sogar wenn man keine weiteren Schutzmechanismen für Kleinanleger, wie beispielsweise Freibeträge o.ä. in Betracht zieht, hat das bei dem im Artikel angedeuteten Volumen von 100€/Monat einen wesentlich geringeren Einfluss auf die Rendite als die Börsengebühren. Sogar bei relativ großen Geldanlagen wie z.B. 50.000€, die bei „Normalmenschen“ sicher nur ein paar Mal im Leben anfallen, beträgt die Steuerschuld 50€ und ist damit kaum relevant für die Rendite. Sogar wenn diese Steuer mehrfach anfällt, z.B. über vierzig Jahre hinweg alle fünf Jahre, um das Depot umzuschichten, bleiben die Beträge immer noch winzig im Vergleich zum betrachteten Vermögen.

Wild wird die Finanztransaktionssteuer dagegen für die Verursacher der Finanzkrise: Wer sein komplettes Depot einmal am Tag umschichtet, zahlt täglich 0,2% (einmal auf Verkauf, einmal auf Einkauf) auf den kompletten Depotbestand. Für einen Fondsmanager mit 250 Handelstagen im Jahr (naja… eigentlich eher 300-350, aber so lässt sich’s einfacher rechnen) bedeutet das eine Belastung von 50%. Das Geschäftsmodell „Hochfrequenzhandel“ würde damit de facto abgeschafft.

Es lohnt sich also nicht mehr, ohne Blick auf die Fundamentaldaten eines Unternehmens mit Aktien zu handeln, einfach nur weil der Kurs in Frankfurt vom Kurs in München um den Bruchteil eines Prozent abweicht – und das ist genau der Sinn der Finanztransaktionssteuer: Den Aktienhandel wieder in Kontakt mit der „Realwirtschaft“ zu bringen. Sogar ein niedrigerer Steuersatz würde wohl diesen Zweck erfüllen.

Wenn vor diesem Hintergrund die LBBW von einem Pleitszenario und Kosten von 3 Milliarden Euro spricht können wir daraus im Extremfall ableiten, dass die Bank einen potenziell steuerpflichtigen Umsatz von mindestens drei BILLIONEN Euro hat. Der Artikel legt nahe, dass die LBBW Sorge hat, dass auch die Interbankengeschäfte steuerpflichtig werden könnten, das wäre natürlich des Guten zu viel und eine akzeptable Erklärung für diese riesigen Summen.

In einer ähnlichen Weise enthüllt der Artikel im Manager Magazin auf seiner dritten Seite, worum es ihm tatsächlich geht: um die Finanzbranche, die Anbieter von Lebensversicherungen, Fonds und Beratungsleistungen. Dort liegen die Aufwände für eine Finanztransaktionssteuer sicher zwischen den minimalen Aufwänden einer Einzelperson und denen im Hochfrequenzhandel, doch auch da wäre eine Finanztransaktionssteuer durchaus ein Renditekiller und müsste zu einer Umstrukturierung der Branche führen. Es geht dem Autor also nicht um den Aktienhandel selbst, es geht um darum, welche Möglichkeit die Finanzbranche hat, Produkte auf Aktienbasis anzubieten.

Ein reales Problem dabei ist, in welchem Ausmaß der Handel tatsächlich langsamer wird, und in welchem Ausmaß die Geldhäuser den Handel tatsächlich einfach nur an andere Börsenplätze verlagern. Zur Erinnerung: Die Absicht „hinter der Absicht“ war auch, die Gefahr von Börsencrashes zu reduzieren, und dass ein Crash in den USA zu einem Erdbeben in Europa führt haben wir inzwischen zur Genüge experimentell überprüft. Soweit der Handel einfach nur abwandert, wird dieses Ziel sicher nicht erreicht.

Vielleicht lohnt sich ein Blick auf http://www.finanzmarkttransaktionssteuer.de/ – für diesen Artikel habe ich dort allerdings auf die Schnelle nichts gefunden.

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