Europa war mal eine Gemeinschaft der Werte

Die Menschenrechte sind nicht selbstverständlich, sie sind fragil. Wir müssen sie schützen, ohne sie dabei selbst zu zerstören.

Früher, als wir noch jung waren, war Europa eine Gemeinschaft der Werte. Seit der Magna Carta und Luther… eigentlich schon seit der demokratischen Kulturen der Antike haben wir Europäer uns für das eingesetzt, was wir heute „Menschenrechte“ nennen.

Und seit der EWG, ungefähr ’57, dann das moderne Europa. Auch wenn der wirtschaftliche Erfolg immer Dreh- und Angelpunkt dieser Entwicklung war, sowohl Triebfeder als auch Maßstab für den Erfolg,

Was ist in den letzten zehn Jahren passiert? Im Südosten hat Europa zunehmend den Charakter der Wertegemeinschaft verloren uns ich in Kulturkreise hineinerweitert, die … sagen wir mal, ein anderes Verständnis von Menschenrechten haben.

Zuletzt hat das Vereinigte Königreich den Brexit beschlossen – und während alle Menschenrechtler voll Schrecken auf die Entwicklungen in der Türkei schauen, schließen May und Erdogan erst einmal gemeinsam einen Rüstungsdeal

Und jetzt regiert Donald Trump die USA per Dekret.

Die Menschenrechte sind nicht selbstverständlich

Gerade wir Europäer haben Menschenrechte viel zu lange für selbstverständlich gehalten – dabei sind sie es nicht. Auch wenn wir (Westler) gebetsmühlenartig wiederholen, dass Menschenrechte überall für alle Menschen gültig sind – sie werden so nicht gelebt. Die Menschenrechte europäischer Prägung gelten (galten) ungefähr in Westeuropa und den USA – das sind etwa 900 Millionen Menschen, um niemandem Unrecht zu tun runden wir auf: Etwa eine Milliarde Menschen. Derzeit leben aber etwa 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Also: Nur jeder siebte erlebt, was wir für „universell“ halten.

Die Menschenrechte sind nicht universell, nicht in der Praxis.

Und, was noch viel wichtiger ist:

Die Idee der Menschenrechte ist fragil.

Dass die Menschenrechte die zweiten Opfer des Krieges sind (direkt nach der Wahrheit) ist schon lange bekannt.

Doch dass jemand wie Recep Tayyip Erdoğan inner halb von zehn, 15 Jahren die komplette demokratische Entwicklung in der Türkei umkehren kann hätte zur Zeit meiner Dauer-Besuche an der Europäischen Kommission niemand für möglich gehalten.

Dass jemand wie Donald Trump und sein Einreisedekret das Herz der USA, den inoffiziellen Wahlspruch „E pluribus unum“ in seiner ersten Amtswoche auf den Kopf stellen könnte, hat – auch bei Donald Trump – wohl keiner erwartet.

Darum müssen wir die Menschenrechte schützen

Wir müssen sie sowohl vor denen schützen, die mit ihnen aufgewachsen sind und sie nicht verstehen („den Rechten“, „den Populisten“) als auch vor denen, die sie ausnutzen wollen („den Islamisten“) als auch vor denen, die sie verklären („den Gutmenschen“).

Die Populisten versprechen, dass wir „unsere“ Probleme lösen können, wenn wir erst die Menschenrechte (weiter) eingeschränkt haben. Nur… wie weit dürfen wir dabei gehen, und wann ist’s zu viel?

Die Islamisten versprechen (ungefähr), dass Gott uns segnen wird, wenn wir uns ihm in korrekter Weise unterwerfen. Das ist – teilweise – das Gegenteil der Menschenrechte.

Die Gutmenschen versprechen, dass alles gut wird wenn wir nur zueinander gut sind. Nur: Die Idee von Satyagraha, die vielen dieser radikal-pazifistischen Gedanken zugrunde liegt, beruht in ihrem Kern darauf,die Vernunft und das Gewissen des Gegners anzusprechen. Und weder Islamisten noch Populisten haben sich bisher in dieser Weise als besonders empfindlich ausgezeichnet.

Die Menschenrechte sind nicht selbstverständlich, sie sind fragil. Wir müssen sie verteidigen, sowohl gegen die Populisten als auch gegen (unter anderem) die Islamisten als auch gegen die Gutmenschen.

Und all das, ohne sie dabei selbst auszurotten.

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