Koalitionspoker? – Sagt Bescheid, wenn’s vorbei ist.

Die Medien überschlagen sich mit Meldungen zum „Koalitionspoker“. Große Koalition? Schwarz-Grün? Oder vielleicht doch Rot-Rot-Grün? Jeder Politiker von Rang und Namen – vielleicht mit Ausnahme der FDP – meldet sich dazu zu Wort. Hier ist die Zusammenfassung dessen, was wir davon glauben sollten: NICHTS. Das ist alles Teil des Koalitionspokers. Hier ist, warum:

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Die Dynamik der Manager-Gehälter

Den Managern werden nach wie vor Vorwürfe gemacht dafür, dass sie zu viel verdienen. Natürlich ist es schwierig, wenn in einer Gesellschaft die Gehaltsschere zu weit aufgeht, doch es sind nicht die Entscheidungen der Individuen, die dazu führen, sondern die Selektionsmechanismen der Gesellschaft.

Neulich entzündete sich bei Google+ eine Diskussion über gesetzliche Schranken zu Managergehältern. Wie hier schon begonnen glaube ich aus mehreren Gründen, dass eine solche Grenze nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Mehr Details werden sich in der angedeuteten Artikelserie sammeln, bis dahin sind hier die zentralen Punkte. Dabei bitte ich zu beachten: Ich beschreibe die Dinge so, wie ich sie wahrnehme. Das bedeutet nicht, dass ich diese Sachverhalte gut oder richtig finde. Doch um die Dinge zu verbessern sollten wir uns unvoreingenommen und sachlich darüber einigen, wie die Dinge sind. Solch eine unvoreingenommene, sachliche Darstellung ist der Sinn der folgenden Ausführungen.

Regeln nützen nicht

1) „Russische“ Gesetzgebung

Vor fast 20 Jahren hatte ich einen Freund mit intensiven Beziehungen nach Russland. Er hat damals russische Gesetze mit einem Laternenmasten verglichen: Sehr schwer zu überwinden, aber sehr einfach zu umgehen. Ähnlich wäre die Lage mit einer maximalen Spreizung zwischen dem höchsten und dem tiefsten Gehalt in einem Unternehmen. Wolfgang Gierls hatte dazu als Lösung schon die „Ich-AG“ angeboten. Ähnliche Möglichkeiten entstehen, indem eine Firma in eine Holding und mehrere Tochterfirmen aufgeteilt wird. Logische Schnittstellen werden auch aus fachlichen Gründen schon lange verwendet: Während vor 50 Jahren viele Firmen Putzfrauen und Kantinenpersonal selbst angestellt hatten, werden diese Leistungen inzwischen von spezialisierten Firmen erbracht. Auch die Regale in Supermärkten werden inzwischen teilweise von spezialisierten Firmen eingeräumt, und so weiter. Ein fester Multiplikator zwischen den Gehältern der am besten und am schlechtesten verdienenden Mitarbeiter würde diesen Trend nur beschleunigen.

Ein anderer interessanter Fall war der Geschäftsführer einer erfolreichen GmbH, der – zu meiner Verwunderung – ein durchaus normal-niedriges Gehalt bezog, ohne an der Firma beteiligt zu sein. Als ich erfuhr, dass der Herr das gleiche Gehalt (jeweils!) noch einmal für seine Tätigkeit als Geschäftsführer der Tochtergesellschaften in der Schweiz und Österreich bezog, wurde mir einiges klarer…

2) Die letzte „feste Regel“ ging nach hinten los

Spiegel Online zitiert unter der Überschrift „Horrende Managergehälter“ den Aufsichtsrat der Commerzbank, Klaus-Peter Müller:

… Im Übrigen ging der Anstieg der Vorstandsgehälter unter anderem auch mit der gesetzlich vorgeschriebenen individuellen Veröffentlichung der Gehälter einher: Diese führte letztlich zu einer Nivellierung nach oben. …

Wer weiß, welche Nebenwirkungen die Ausweichtaktiken nach (1) haben?

3) Feste Regeln sind zu oft unangemessen

Mir sind in dieser Diskussion bisher drei Vorschläge von festen Regeln begegnet:

  1. ein fester Multiplikator zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Gehalt in einer Firma
  2. eine Koppelung der Steigerungsraten: Vorstandsgehälter dürfen nicht schneller steigen als Mitarbeitergehälter
  3. eine Koppelung der Managergehälter an die Zahl der Mitarbeiter

Keine dieser Regeln ist ausreichend universell.

ad 1) Falls wir wollen, dass einfache Arbeiten nicht automatisiert oder nach China verlagert werden, brauchen wir in Deutschland Tätigkeiten, die niedrig entlohnt werden. (Exkurs: Die Alternative ist nicht, dass diese Tätigkeiten höher entlohnt werden, sondern dass sie automatisiert oder ausgelagert werden, doch das führt hier zu weit.) Wir wollen also – in gewissen Grenzen – dass es niedrige Gehälter in den Firmen gibt. Eine harte Koppelung gibt de facto die Entlohnung der Chefs fest vor, unabhängig von Branche, Marktlage oder Leistung. Es kann nicht der Sinn der Sache sein wenn der Chef einer Kantine mit vier Mitarbeitern und etwa einer Million Umsatz ähnlich verdient wie der Chef eines Maschinenbauers mit hundert Mitarbeitern und 250 Millionen Umsatz nur weil der Hilfskoch genau so viel verdient wie die aus sentimentalen Gründen noch direkt angestellte Putzhilfe.

(2) führt zu ähnlich skurrilen Fällen. Einerseits gibt es Fälle, in denen Manager in Sanierungen auf Gehaltsbestandteile verzichten. Falls sie das nie wieder aufholen könnten, würden sie das in Zukunft nicht mehr tun. Umgekehrt würde so eine Regel dazu führen, dass die Einstiegsgehälter der Manager höher liegen und dafür Firmenwechsel noch häufiger werden. Kluge Unternehmer könnten ihre Firmen „zweiteilen“ und die Manager im Jahresrhythmus von der einen Firma in die Andere versetzen und so die Schranken umgehen. (Auch solche Verfahren habe ich schon mehrfach in Aktion gesehen). Ich muss wohl nicht dazusagen, dass so der gewünschte Effekt nicht zustande kommt.

ad (3) Es ist ja heute schon so, dass die Bezahlung weitgehend von der „Hausmacht“ und damit von der Zahl der Mitarbeiter abhängt. Dieser Zusammenhang führt auch heute schon immer wieder zu einem unterirdisch-unwürdigen Gezerre um „Ressourcen“. Ich fürchte, je formaler das gehandhabt wird, umso größer werden hier die Nebenwirkungen.

4) Weniger Geld für die Manager bedeutet nicht automatisch mehr Geld für „uns“

Angenommen die Bezüge der „normalen Mitarbeiter“ haben damit nichts zu tun – ist es dann wirklich relevant, wie viel die Vorstände und sonstigen Chefs verdienen? Umgekehrt: Angenommen unabhängig von den Chef-Gehältern werden die Gehälter der „normalen“ Menschen um 25% angehoben – interessieren dann die Gehälter der Chefs noch? Von niedrigeren Vorstandsgehältern wird mein Leben keinen Piep besser. ICH will mehr Gehalt. Dafür sind die Vorstandsbezüge, insbesondere die Vorstandsbezüge in anderen Firmen wie der Commerzbank einfach irrelevant. Also lasse ich mich auf so eine Ablenkung nicht ein, und das empfehle ich auch allen Lesern hier.

Was wirklich passiert

„Then we have to hire smarter guys…“

Dieses Zitat fiel vor vielen Jahren, als ein Manager sich vor sein Team stellte um es vor einer gefühlt in der zur Verfügung stehenden Zeit unmöglichen Aufgabe zu schützen. Gemeint war: Dann müssen wir Menschen einstellen, die die Aufgabe in diesem Zeitfenster für machbar halten.

Das Projekt wurde an ein anderes Team gegeben.

Ähnliches geschieht auch in Gehaltsverhandlungen: Falls ein Manager nicht hart verhandelt, geht das Budget nicht an seine Mitarbeiter – sondern an andere Manager, wenn es nicht überhaupt verfällt. Warum sollte er in dieser Situation nicht hart verhandeln, auf wen oder was sollte er Rücksicht nehmen?

Wir sehen nur die, die die Evolution übrig gelassen hat

Analog zum Anthropischen Prinzip

Die Manager, die wir immer wieder als Beispiele für Gehaltsexzesse präsentiert bekommen sind tatsächlich nicht unbedingt die besten oder erfolgreichsten aus einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive. Sie sind quasi zufällig ausgewählt: Es sind die, die in der Gehaltsverhandlung von niemandem übertroffen wurden.
Hier ist eine Liste der Top-Ten bestverdienenden Manager Deutschlands. Wer kennt den Manager auf Platz elf?

Die Personen auf diesen Rängen sind austauschbar, der einzige Grund für die prominente Berichterstattung sind die hohen Vergütungen. Wenn jemand anders 6,5 M€ beziehen würde, würden wir über diese Person sprechen und nicht über die in der Liste. Darum spielt es auch keine Rolle, dass die zitierte Liste undatiert ist und sich wahrscheinlich auf 2011 bezieht.

Extreme Spreizung, extrem zugespitzt

Oder: Reise nach Jerusalem

Übrigens: Ist es nicht auffällig, dass schon in dieser Liste eine erhebliche Spreizung auftritt? Platz 1: 16,5 M€; Platz 2: 9,4M€; Platz 10: 5,3 M€…

Was tatsächlich passiert: Die „soziale Schere“ geht immer weiter auf, doch die „Spitze“ ist winzig klein und sie wird immer kleiner und gleichzeitig immer höher. Für die USA ist das in diesem Video schön dargestellt. In Deutschland dürften die Verhältnisse nicht wesentlich anders sein.

Scheinbar stabilisieren sich die Einkommensverteilungen in einem breiten „mittleren“ Korridor zwischen … sagen wir, 20.000€/Jahr und 100.000€/Jahr, während die Spitzeneinkommen weit heraus ragen – aber nur einige hundert, vielleicht einige tausend Menschen betreffen. Bei näherer Betrachtung handelt es sich nicht um eine soziale „Schere“. Der Ablauf ähnelt eher der Reise nach Jerusalem: Wer sich in der nächsten Runde nicht schnell genug seinen Platz sichert, rutscht ab in die „Mittelklasse“. Oder ins Dschungelcamp bei RTL.

Ressource oder Marke?

Meiner Beobachtung nach ist der Unterschied im Wesentlichen der: Wer als Individuum erkennbar ist, wessen Namen eine „Marke“ ist, der kann sein Einkommen drastisch steigern. Das funktioniert offensichtlich bei Sportlern und Künstlern, die „IT-Girls“ wie Kim Kardashian und Paris Hilton haben das zu ihrer einzigen Fähigkeit gemacht. (David Beckham hat den Dreh auch ganz gut ‚raus, das sind nicht nur Frauen). Es gilt offensichtlich für Sportler, Schauspieler und andere Entertainer. Das gilt offensichtlich in der Politik. Und es gilt selbstverständlich auch im „normalen“ Berufsleben.

Aus meiner Heimatbranche geplaudert: Die meisten IT’ler werden einfach als „Ressourcen“ austauschbar von einem Projekt ins nächste weitergeschoben. Es ist ja egal, auf einem gewissen Niveau können – scheinbar – alle gleich gut (oder vielleicht gleich schlecht?) programmieren.

Wer stadtweit angerufen wird als Spezialist für seltene Datenbankfehler bei Produkt X von Hersteller Y sitzt schon etwas fester im Sattel und wird wohl mit diesem Thema mehr Zeit verbringen und kann entsprechend mehr fordern.

Wer um die Welt geflogen wird, um die Fehler zu beheben, an denen sich schon alle lokalen Spezialisten die Zähne ausgebissen haben, der steht schon deutlich besser da.

Wer wie beispielsweise David Heinemeier Hansson oder Matt Mullenweg eine weltweite Fangemeinde hat (wenn auch „nur“ unter Insidern), hat’s „geschafft“, und wer wie Linus Torvalds oder Sir Tim Berners-Lee auch außerhalb der IT Community bekannt ist, der braucht sich um nichts mehr kümmern.

Aus dieser und vielen anderen Überlegungen heraus kann ich nur jedem empfehlen: Lasst die Manager in Ruhe. Kümmert euch lieber darum, eure eigene, persönliche Marke aufzubauen.

Die Euro-Krise: Denn wir wissen nicht, worum es geht…

„… denn wir wissen nicht, was wir tun“ wäre eine Lüge. Natürlich wissen die Euro-Demonstranten aller Länder, was sie tun: sie protestieren. Manche für den Euro, andere gegen den Euro. Wirtschafts-Experten aller Fachrichtungen sprechen sich für oder gegen die eine oder andere Maßnahme aus.

Doch wenn wir ehrlich sind: Wir wissen nichts.

Es gibt nur sehr wenige, die zur Euro-Krise wirklich solide informiert sind. Wer jetzt an Wirtschaftsweise wie Peter Bofinger oder Hans-Werner Sinn denkt, die den Geldpolitik über Jahre und Jahrzehnte hinweg in der Tiefe erforscht haben: Ich vermute, auch diese exzellenten Experten sind nicht wirklich solide informiert.

Ich denke, in den Bibliotheken der Regierungen der Welt liegen die wirklich relevanten Informationen. Ist das eine Verschwörungstheorie? – Nein, denn für eine Verschwörungstheorie fehlt ein wichtiges Element: Ich behaupte nicht, den „Missing Link“ zu kennen. Ich behaupte nur, dass es einen „Missing Link“ gibt, und dass wir ihn nicht kennen. Es gibt da einige schöne Beispiele aus der Vergangenheit, und ein paar kleine Elemente aus meiner persönlichen Erfahrung:
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Entscheidungsanalyse: Sollen Managergehälter begrenzt werden? (Teil I)

Ursprünglich: ein Beitrag zur Debatte auf Focus Online … („Sollen Managergehälter begrenzt werden?„). Dann vielleicht eher: Inspiriert durch die Debatte bei Focus Online. Jetzt ist es durch, die EU hat – wieder einmal – entschieden. Doch was bedeutet das, welches Ziel erreichen wir dadurch wirklich?

Die Debatte um Managergehälter hat jeden Sachbezug verloren. Zeit, das Thema systematisch zu analysieren – mit den in Deutschland kaum bekannten Mitteln der Entscheidungsanalyse. Ein gewichtiges Wort dazu im Voraus: Mein Ausbilder zum Thema sagte immer wieder:

Decision analysis serves to create transparency over actual preferences. That’s why it is rarely used in practice.

(Entscheidungsanalyse dient dazu, Transparenz über die tatsächlichen Prioritäten herzustellen. Darum wird sie in der Praxis kaum angewandt.)

Der Sinn dieses Artikels ist nicht, zu einer abschließenden Erkenntnis zum Thema zu kommen. Ich möchte mit diesem Artikel vielmehr Ihnen / euch da draußen ein Mittel erschließen, um politischen Debatten schneller auf den Grund zu gehen.

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Stuttgart 21? – Nicht schon wieder!

War ja klar… der Aufsichtsrat hat trotz der erheblichen Mehrkosten für den Weiterbau von Stuttgart 21 entschieden, und schon gehen wieder alle auf die Barrikaden.

Wie konnte der Aufsichtsrat nur?

Wer soll das bezahlen?

Die Frage, wer das alles bezahlen soll, kann ich (noch) nicht beantworten. Doch wie der Aufsichtsrat zu seiner Entscheidung kam, ist wenigstens in groben Zügen nachvollziehbar. Die entscheidende Frage lautet: „Was denn sonst?“ – natürlich gibt es alternative Ideen, aber…
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Verhandlungstaktik: USA, Sparbombe und „BATNA“

Soso, die „Sparbombe“ in den USA ist explodiert. Die Europäer, der IWF und alle anderen reagieren nach wie vor entrüstet. Ich finde die Frage spannend, wie das Land – unabhängig davon, wie es in diese Schwierigkeiten hineingeraten ist – wieder herauskommen kann. Der Weg aus dem Problem heraus ist normalerweise ein anderer als der Weg hinein. Anschaulich gesprochen: Man kann in dieses Loch hineinspringen, aber  nicht wieder heraus.

An zwei Stellen sind sich alle Beteiligten mit Sicherheit einig:

  1. Keiner will, dass die US-Wirtschaft oder die Weltwirtschaft leidet
  2. Sowohl die Parteien als Organisationen als auch die Abgeordneten als Individuen wollen wiedergewählt werden.

Alle Beteiligten sind sich einig, dass die Lage in den USA super-ernst ist. Nehmen wir einmal für den Moment an, dass die Politiker wirklich ausschließlich das Beste für ihr Land wollen und nicht in Parteitaktik gefangen sind. „Verhandlungstaktik: USA, Sparbombe und „BATNA““ weiterlesen

Politik mit Stefan Raab

Politik ist eine ernste Sache. Stimmt, Herr Augstein.

Darum sollten die Politiker auf die Menschen zugehen anstatt von uns zu erwarten, dass wir kollektiv auf die Politiker zugehen. Die Erfahrung des letzten Jahrzehnts zeigt: Die Mehrheit der Bevölkerung wendet sich von der Politik ab, denn das Gefühl, das der Politik-Medien-Apparat vermittelt ist: Das ist schwer, das ist komplex, und überhaupt sind wir angewiesen auf (die Opposition, die Gewerkschaften, die Unternehmen, die Banken, die Bundesländer, die anderen EU-Staaten, Weltbank, IWF, NATO, UNO). Und weil wir ohne die „anderen“ sowieso nicht vorwärts kommen, ist es nur noch viel schwerer.

Vielleicht ist das der Hintergrund der Talkshow-Demokratie: Im Parlamant ist ja quasi nur das Parlament „unter sich“. Die Sitzungen sind zwar öffentlich, aber gleichzeitig weitgehend irrelevant, denn die wirklich wichtigen Diskussionen finden hinter verschlossenen Türen in Ausschüssen und so weiter statt.

Politik findet inzwischen praktisch nur noch im Austausch mit anderen Akteuren stattfindet: Lobbyorganisationen, NGOs, Staatenbünde wie EU, NATO oder UNO – die Lobbyliste des Deutschen Bundestages ist da nur die Spitze des Eisberges. Immerhin eine Eisbergspitze mit über 2000 Einträgen und weit über 600 Seiten.

Wo, wenn nicht in den politischen Talkshows, treffen sich Vertreter der Organisationen aller Gewichtsklassen öffentlich, um ein Thema zu diskutieren?

Daran wird Stefan Raab auch nichts ändern, wenigstens jetzt nicht. Doch was er tun kann: Er kann den normalen Menschen wieder das Gefühl vermitteln, dass es sich lohnt, tiefer in die Debatte einzusteigen. Er kann die Einstiegshürde für eine fachliche Diskussion senken und das Gefühl vermitteln, dass Politik – allen Vorurteilen zum Trotz – immer noch etwas mit der Bevölkerung zu tun hat.

Wo, wenn nicht bei Stefan Raab, bekommt ein normaler Mensch die Themen mit Leichtigkeit vermittelt? – Damit meine ich eben nicht übervereinfacht (das können alle Sender gleich gut), sondern fachlich richtig und mit Humor präsentiert? Es ist nämlich nur eine Schein-Wahrheit, dass wichtige Themen keine witzigen Aspekte haben oder dass Lustiges nie wichtig sein kann. Wichtig und lustig hat nichts miteinander zu tun, und zwar in diesem Sinn: „wichtig“ bezieht sich auf das Thema selbst, „lustig“ nur auf seine Darstellung. Man kann wichtige Themen lustig darstellen oder humorlos, und es gibt lustige Themen, die wichtig sind, und lustige Themen, die völlig egal sind.

Wichtig und lustig treffen sich an einer anderen Stelle wieder: Unser Gehirn arbeitet am besten, wenn wir fröhlich sind. Also sollten wir vor allem die wichtigen Themen mit gebührender Leichtigkeit diskutieren.

So können wir die Politikverdrossenheit überwinden.

Also: Anstatt über einen Stefan Raab mit seinen Politik-Ambitionen zu lästern, sollten wir ihm dankbar sein: Er hat – als einer von wenigen – die Möglichkeit, die Brücke zwischen dem ernsten, schweren Politikapparat und der Leichtigkeit, nach der die Menschen sich sehnen, wieder zu öffnen.

Was ist Qualität in der medizinischen Behandlung?

SPON berichtet über die Forderung nach mehr Transparenz im Gesundheitswesen. Ich bin versucht zu sagen: … Forderung nach noch mehr Transparenz im Gesundheitswesen. Der Artikel heisst „Patientenrechte: Experten fordern gläsernes Gesundheitssystem

Die im Artikel genannten Maßnahmen sind alle interessant, doch ich vermisse eine Definition von Qualität. Als Physiker weiß ich: Wer viel misst, misst viel Mist.

Die meisten Qualitätsschemata (z.B. die berüchtigte ISO 9000) messen nicht das Ergebnis, sondern die Wiederholbarkeit des Vorgehens. Der Grundgedanke ist die Hypothese: Wenn wir präzise das gleiche tun, bekommen wir präzise das gleiche Ergebnis. Leider funktioniert das in der Medizin nicht. Jeder Fall ist anders, und es ist weder sinnvoll noch möglich, zunächst für alle die gleichen Ausgangsbedingungen herzustellen.

Qualität ist typischerweise etwas, was man hinterher feststellt, doch viele Informationen, die in die Qualitäts“messung“ eingehen, stehen dem behandelnden Arzt vorher (also vor der Behandlung) nicht zur Verfügung.

Das Ergebnis? – Cover-your-ass-Medizin, wie wir sie heute schon aufblitzen sehen, gerade in den USA und GB. Ärzte, die ihre Behandlung primär an der Vermeidung von Schadenerstatzklagen ausrichten, nicht am Wohl des Patienten. Ärzte, die sich „sicherheitshalber“ an Standard-Prozeduren halten, die für den Einzelfall vielleicht passen, wahrscheinlich sogar – vielleicht aber auch nicht.

Die Behandlung wird also unter Umständen schlechter. Die große Falle ist: weil alle innerhalb der Messprozeduren für die Qualitätsstandards gehandelt haben, wird die gemessene Qualität trotzden besser.