Ausweitung der Meldepflicht, Präzisierung der Versammlungsfreiheit

Überraschend hat die Bundesregierung die Meldepflicht ausgeweitet: Jede Reise in ein anderes Bundesland ist zu melden. Auch die Versammlungsfreiheit wurde präzisiert: Jedes Gespräch ist zu registrieren. Natürlich bleiben die Grundsätze von Freizügigkeit und Versammlungsfreiheit erhalten, eine Genehmigungspflicht ist vorläufig nicht vorgesehen.

„Ausweitung der Meldepflicht, Präzisierung der Versammlungsfreiheit weiterlesen

Wider die Augenwischerei zur Finanztransaktionssteuer

Auf der Webseite vom Manager-Magazin steht gerade ein Artikel mit der Überschrift: „Wie die Regierung den Deutschen die Aktie verleidet„. Der Artikel ist ein schräges Gemisch aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und Seltsamkeiten. Hier ist mein Versuch, etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Im Kern geht es dem Autor nicht um den Aktienhandel selbst, sondern um die Möglichkeit der Finanzbranche, Produkte auf Aktienbasis anzubieten.

„Wider die Augenwischerei zur Finanztransaktionssteuer“ weiterlesen

Koalitionspoker? – Sagt Bescheid, wenn’s vorbei ist.

Die Medien überschlagen sich mit Meldungen zum „Koalitionspoker“. Große Koalition? Schwarz-Grün? Oder vielleicht doch Rot-Rot-Grün? Jeder Politiker von Rang und Namen – vielleicht mit Ausnahme der FDP – meldet sich dazu zu Wort. Hier ist die Zusammenfassung dessen, was wir davon glauben sollten: NICHTS. Das ist alles Teil des Koalitionspokers. Hier ist, warum:

„Koalitionspoker? – Sagt Bescheid, wenn’s vorbei ist.“ weiterlesen

Stuttgart 21? – Nicht schon wieder!

War ja klar… der Aufsichtsrat hat trotz der erheblichen Mehrkosten für den Weiterbau von Stuttgart 21 entschieden, und schon gehen wieder alle auf die Barrikaden.

Wie konnte der Aufsichtsrat nur?

Wer soll das bezahlen?

Die Frage, wer das alles bezahlen soll, kann ich (noch) nicht beantworten. Doch wie der Aufsichtsrat zu seiner Entscheidung kam, ist wenigstens in groben Zügen nachvollziehbar. Die entscheidende Frage lautet: „Was denn sonst?“ – natürlich gibt es alternative Ideen, aber…
„Stuttgart 21? – Nicht schon wieder!“ weiterlesen

Was ist Qualität in der medizinischen Behandlung?

SPON berichtet über die Forderung nach mehr Transparenz im Gesundheitswesen. Ich bin versucht zu sagen: … Forderung nach noch mehr Transparenz im Gesundheitswesen. Der Artikel heisst „Patientenrechte: Experten fordern gläsernes Gesundheitssystem

Die im Artikel genannten Maßnahmen sind alle interessant, doch ich vermisse eine Definition von Qualität. Als Physiker weiß ich: Wer viel misst, misst viel Mist.

Die meisten Qualitätsschemata (z.B. die berüchtigte ISO 9000) messen nicht das Ergebnis, sondern die Wiederholbarkeit des Vorgehens. Der Grundgedanke ist die Hypothese: Wenn wir präzise das gleiche tun, bekommen wir präzise das gleiche Ergebnis. Leider funktioniert das in der Medizin nicht. Jeder Fall ist anders, und es ist weder sinnvoll noch möglich, zunächst für alle die gleichen Ausgangsbedingungen herzustellen.

Qualität ist typischerweise etwas, was man hinterher feststellt, doch viele Informationen, die in die Qualitäts“messung“ eingehen, stehen dem behandelnden Arzt vorher (also vor der Behandlung) nicht zur Verfügung.

Das Ergebnis? – Cover-your-ass-Medizin, wie wir sie heute schon aufblitzen sehen, gerade in den USA und GB. Ärzte, die ihre Behandlung primär an der Vermeidung von Schadenerstatzklagen ausrichten, nicht am Wohl des Patienten. Ärzte, die sich „sicherheitshalber“ an Standard-Prozeduren halten, die für den Einzelfall vielleicht passen, wahrscheinlich sogar – vielleicht aber auch nicht.

Die Behandlung wird also unter Umständen schlechter. Die große Falle ist: weil alle innerhalb der Messprozeduren für die Qualitätsstandards gehandelt haben, wird die gemessene Qualität trotzden besser.

Karstadt und Medienkompetenz

Die inhaltliche Karstadt-Diskussion ist zu komplex, um sie hier zu kommentieren. Den kompletten juristischen Papierkrieg zum Thema kennen sowieso nur noch ein paar Anwälte, und mit weniger ist ein kompetenter Kommentar nicht zu machen.
Zur Diskussion in den Medien jedoch kann ich mir ein paar Anmerkungen nicht verkneifen, vor allem zu dem Artikel „Gewerkschaft bangt um Karstadt-Rettung“ bei Spiegel Online. Dieser Artikel enthält zwei interessante Widersprüche:

Erstens:

[Margret] Mönig-Raane [von ver.di] sieht Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) in der Pflicht: „Er hätte hinter dem Bühnenvorhang mal Tacheles reden können, das hätte ich schon erwartet.“

Na bravo: Nach vorne jammern, und gleichzeitig fordern, daß „hinter dem Bühnenvorhang“ gearbeitet wird. Angenommen Herr Bundeswirtschaftsminister Brüderle hätte dieser Forderung tatsächlich entsprochen – woher wüssten wir es denn??? Doch nur, wenn es eine MEGA-Indiskretion gegeben hätte.
„Karstadt und Medienkompetenz“ weiterlesen

Zu: Spendercrawl

Die aktuelle Titelgeschichte bei KoopTech, „Spendercrawl – Parteispenden-Analyse Teil 3“ endet mit der Frage: „Welche frei verfügbaren Daten könnten die Machtverhältnisse besser abbilden?“ (im Kontext von „Die tatsächlichen Machtverhältnisse bleiben offensichtlich im Netz verborgen. Vom bürgerlichen Lager ist kaum etwas zu sehen, …“).

Soweit ich die verwendete Analyse verstehe, ist sie beschränkt auf Internet-Netzwerke (bzw. öffentlich bekannte Kapitalverflechtungen – ganz nett, hilft aber offensichtlich auch nicht). Damit spiegeln diese Analysen vor allem die Kommunikationspräferenzen wider. Wie wir alle in den letzten Jahren beobachten konnten (z.B. im Umfeld der „Zensursula“-Debatte) sind die Kommunikations-Präferenzen stark mit Ideologien korrelliert. Um die Diskussion anzuschieben, postuliere ich folgende Korrelationen:

  • CDU/CSU-Anhänger treffen sich in der Kirche, auf Familienfeiern oder am Stammtisch. (Dabei ist eine erweiterte Interpretation von „Stammtisch“, z.B. der Wiener Opernball, zulässig :-)) – am „Stammtisch“ finden sie auch mit der FDP zusammen. Na gut, geschäftliche Besprechungen und Dienstreisen kann man hier auch mitzählen.
  • Die SPD-Anhänger treffen sich im weitesten Sinne bei Vorträgen (z.B. an der Uni), Versammlungen (z.B. im Zusammenhang mit Betriebsratsirgendwas) und Demonstrationen
  • Die Grünen treffen sich online, um ihre vielfältigen offline-Aktivitäten zu organisieren, bei denen sie sich dann auch „offline“ treffen.

Möglicherweise spiegelt das auch das Durchschnittsalter wieder, so weit würde ich jetzt eigentlich nicht gehen wollen 🙂

Damit wäre klar, wo man nach der tatsächlichen Vernetzung suchen müsste: Nur für die Grünen trifft eine online-Analyse den Nerv, die Netze der „Bürgerlichen“ könnte man mit den Methoden der Klatschpresse aufdecken und die der SPD mit den Methoden des BND 🙂

So, jetzt ist hoffentlich genug Öl ins Feuer gegossen für eine coole Diskussion 🙂

Vielleicht wäre eine Variante von XING interessant, bei der jeder „fremde“ Bekanntschaften eintragen kann. Z.B. Tanzpaare am Opernball, Familienverflechtungen, gemeinsame Gewerkschaftsauftritte usw. Damit’s funktioniert müsste man’s in zweierlei Hinsicht moderieren: Einerseits müsste sichergestellt sein, daß nur Personen des öffentlichen Interesses auftauchen, andererseits muß die Datenqualität sichergestellt werden, z.B. durch Review. Vielleicht kann man sowas einfach bei abgeordnetenwatch andocken?

Wer macht?

Schweinegrippe? – Ich hab’s ja gleich gesagt!

Heute schreibt der Spiegel Online über die Schweinegrippe: „Chronik einer Hysterie„.

Ich bin ein kleines bisschen stolz auch mich: Denn während der Spiegel jetzt als eine der vier Lehren aus der Schweinegrippen-Hysterie auch aufführt: „Wie […] Medien die Hysterie gefördert haben“ hat das Bananenblatt schon (naja…) am 13. Juli einen Artikel zum Thema „Schweinegrippe und Medienkompetenz“ veröffentlicht. Darin steht:

Medienkompetenz bedeutet vieles – unter anderem, sich nicht aufgrund der Häufigkeit eines Themas ein Urteil über die Wichtigkeit zu machen. Stattdessen sollte jeder die Wichtigkeit selbst und für sich selbst beurteilen.

[…] [Schwinegrippe war ein Thema], das ich innerhalb von weniger als einer halben Stunde quantifizieren konnte.

Daß Medien ihr Dings nicht immer neutral auf die Reihe kriegen ist wohl eine Tatsache, mit der wir leben müssen. Ob wir darauf hereinfallen liegt in unserem eigenen Ermessen.

Ich hab’s doch gleich gesagt. 😉

Unscheinbar: Subtiler Aufruf zur Medienkompetenz

Vielleicht ist es ein wenig überinterpretiert, aber das folgende Zitat von Heise finde ich schon ziemlich cool:

Ohne Vergleichszahlen lässt sich ein solcher Trend allerdings nicht seriös belegen.

Es bezieht sich auf die Pressemitteilung, die behauptet: „Im Rahmen des Fokusberichtes […] wurden nun erstmals detaillierte Umsatzzahlen erfasst. Und diese zeigen einen eindeutigen Trend: […]“

Also was nun? – Entweder erstmals erfasst, oder ein eindeutiger Trend. Beides zugleich geht nicht.

Darüberhinaus kitzelt mich das Statement weiter unten in der Erklärung: „Eine Auswahl der Daten steht kostenlos zur Verfügung …“ – sobald ich Zeit dafür habe, nehme ich auch das gründlicher unter die Lupe. Wer findet die kreativste Statistik-Interpretation in diesem Datenmaterial?

Grenzt zunehmende Technologisierung ältere Menschen aus?

Hannelore schreibt unter dem Titel „Grenzt zunehmende Technologisierung ältere Menschen aus?„. Ich sehe das anders, so wie viele: Exzessive Netz-Nutzung grenzt uns jüngere aus: Wir sollten nicht vergessen, daß die sogenannten „älteren“ in der Überzahl sind!

Natürlich kenne ich die in den Kommentaren genannten Probleme, aber noch gibt es – wenigstens hier in Deutschland – in jedem Städtchen ein paar Bankfilialen und Briefkästen und so. Die Welt der Netz-Verweigerer wird nicht „kleiner“, sie bleibt ungefähr, wie sie war. Die Welt der Netz-Nutzer wird beständig größer, und die Verweigerer haben daran nicht teil. Sie haben sich das so ausgesucht.

Ich denke, es gibt zwei Wurzeln, an denen Netz-Verweigerung sozusagen „andockt“:
– Abstraktion
– Vertrauen

Unter Abstraktion verstehe ich dabei einige der Themen, die A bzw. Thoma im Kommentar angesprochen hat: Ein Computer braucht eine Einführung. Das Problem mit der „Computer-Techniksprache“ hängt ursächlich daran, daß es für eine Abstraktionen wie „Fenster“, „Link“ bzw. „Verknüpfung“ oder „Maus“ außerhalb der Computer-Techniksprache nicht nur kein Wort gibt, sondern das Konzept gar nicht existiert. Man kann es nicht mit normalen Begriffen erklären, weil es keine „normalen“ Konzepte sind. Marketing-Kauderwelsch macht’s nicht besser, aber im Kern geht es um neue Konzepte, neue Abstraktionen, neue Abbildungen der Wirklichkeit. Und: „Wir“ haben gelernt, abstrakt zu denken. Die Gangschaltung im Auto, Fernseher (sogar mit Fernbedienung), die Wählscheibe am Telefon, die „Platte“ (erst Vinyl, dann CD) und die „Kassette“ – all das sind Abstraktionen, mit denen wir aufgewachsen sind. Unsere Eltern sind in diesem Sinne in einer konkreten Welt aufgewachsen: Maier, Müller, Schmidt – Villingen, Schwenningen, Metzingen – Wurst, Käse, Eier. Das Leben unserer Eltern war bestimmt von Dingen, die man in die Hand nehmen konnte. Aus dieser Welt grenzen wir uns aus, wenn wir nicht aufpassen.

Unter Vertrauen sehe ich die weiteren Themen: Wie bekommen unsere Eltern ein Gefühl dafür, wenn sie „etwas kaputt machen“? Wann sie ihren Online-Banking-Account für die Welt öffnen? An der Oberfläche scheint es sich um Vertrauen in die Technik zu drehen, aber wenn man gut zuhört findet man, daß der Knackpunkt das Selbstvertrauen im Umgang mit der Technik ist. Nun, Vertrauen hat etwas mit Vertrautheit zu tun, und solange die Praxis nicht da ist, bleibt die Vertrautheit aus.

Keine Praxis, keine Vertrautheit. Keine Vertrautheit führt zu Angst und Unwillen, Angst und Unwillen verhindern Praxis. Ein Teufelskreis.

Der Umgang mit körperlicher und geistiger Unbeweglichkeit, den Hannelore anspricht, ist eigentlich der zentrale Hebel. Zum Abschluß, weil’s einfach zum niederknien schön ist, Hannelore in ihren eigenen Worten:

Ich […] weiß ganz genau, wenn ich mich nicht ständig auf dem Laufenden halte (nicht nur beim Anwenden, sondern auch im selbst erstellen), dann wird die Wissenslücke immer größer und die Lernkurve zum Aufholen immer steiler. Im Übrigen habe ich festgestellt, dass ich schneller lerne je älter ich werde, weil sich meine Wissensbasis erweitert und weil ich mich beeilen muss, denn es gibt plötzlich ein faszinierendes und riesiges Angebot.