Bananenblatt

Klarheit in der politischen Debatte

Ehrverletzende Elefantöse Diskussion

Herr Bittner hat in seinen beiden Artikeln „Ehrverletzt“ und „Ehrverletzt II“ zwei Diskussionen auf einmal losgetreten, und ihm sind wieder einige ansonsten begabte Leute auf den Leim gegangen. Insgesamt erinnern mich diese Argumente immer wieder an die Parabel von den Blinden und dem Elefanten, die man auf Deutsch beispielsweise hier finden kann: http://www.bettina-meister.de/elefant.html.

Wie die Parabel illustriert, verlaufen die Diskussionen so als ob die Standpunkte widersprüchlich wären – tatsächlich sind sie es aber nicht. Peter hat dies in seinem Kommentar zu „Ehrverletzt II“ auch thematisiert. Darüberhinaus ist die Lage, wie in der Parabel vom Elefanten, so daß alle drei Akteure „im Glashaus sitzen“.

Alle drei der folgenden Aussagen sind richtig, die Diskussion dreht sich also nur um die Betonung:

  • Ob es uns passt oder nicht, der Bericht von ai ist parteiisch. Insbesondere wird der Bericht dem Anspruch von ai nicht gerecht, unparteiisch vorzugehen.
  • Ob es uns passt oder nicht, die USA haben sich falsch verhalten. Insbesondere verletzen die USA genau die Prinzipien, die sie selbst zu verbreiten versuchen.
  • Ob es uns passt oder nicht, das echte Problem sind Terroristen, die gezielt Unschuldige angreifen, um politische Ziele zu erreichen.

Und jetzt sage keiner, es gäbe keine Terroristen wenn die USA (oder andere Länder der „zivilisierten Welt“) sich vorbildlich verhalten würden. Die Geschichte des Terrorismus und auch des (religiösen) Fundamentalismus aller Couleur belegt das Gegenteil.

Zweierlei:

Ja, es ist richtig und bedauerlich, daß ai nicht (mehr) unparteiisch ist und obendrei „geschichtsblind“ (Zitat Bittner). Ja, es ist richtig und bedauerlich, daß die USA danebengreifen, und daß sich Dick Cheney über den Vorwurf mehr aufregt als über den Vergleich selbst ist einfach peinlich. So lange wir uns von solchen Fehl-Botschaften in Fehl-Diskussionen verführen lassen, werden solche Fehl-Botschaften weiterhin kommen – egal ob aus Absicht oder aus Dummheit. Liebe mit-Diskutierende: aufwachen! und kompetent diskutieren, nicht ablenken lassen. Wie transparent und verantwortungsvoll unsere Gesellschaft ist bestimmen wir selbst.

Auf der anderen Seite:

Egal wo, egal aus welcher Motivation: systematische Ausübung von Terror und Gewalt [..], um politische Ziele zu erreichen („Terrorismus„), müssen aufhören. Mit der Bibel (Mt 7,3) gesprochen: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ Viele würden dieses Zitat sofort auf die USA anwenden – aber machen wir nicht den gleichen Fehler, wenn wir einseitig die USA beschuldigen? Mit den Worten Herrn Bittners: „Hätte es Saudi-Arabien nicht verdient, mit mindestens zehn mal so vielen Seiten im amnesty-Bericht Erwähnung zu finden?“

Der Fehler ist nicht, daß die USA auf ihre (eigenen) Fehler hingewisen werden, der Fehler ist, daß die USA einseitig auf ihre Fehler hingewiesen werden – und auf diese Weise gleichzeitig Terror-Organisationen vor berechtigter Kritik geschützt sind.

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Bananenblatt „Replay“: 13. März 2004

3 Kommentare

  1. Niko

    Ich kann den Schwachsinn über „Folter“ und „Misshandlungen“ in Gitmo nicht mehr hören/lesen.

    Fakt ist dass Tausende und Abertausende von Häftlingen in Deutschland froh wären, wenn sie ihre Zeit unter ähnlichen Bedingungen absitzen könnten wie die Inhaftierten in Camp X-Ray. Von den Haftbedingungen der Abschiebehäftlinge ganz zu schweigen.

    Die dämliche Heuchelei liesse sich ganz einfach mit folgendem Quiz entlarven:

    Nur in einem der drei folgenden Gefängnisse werden Gefangene nach streng muslimischen Vorschriften behandelt. In welchem?

    (a) Camp X-Ray auf Guantanmo
    (b) [insert any German prison here]
    (c) [insert any French prison here]

    Das Märchen, in Gitmo sässen „ganz bestimmt auch Unschuldige“ ist ebenso lachhaft. Entgegen den Mythen und Theorien deutscher Feuilletonisten und Hobby-Rechtsexperten haben die amerikanischen, britischen und kanadischen Soldaten in Afghanistan nicht einfach wahllos 15-jährige Feldarbeiter aufgegriffen und ins Flugzeug gesteckt, sondern bewaffnete Kämpfer der Taliban und anderer terroristischer Vereinigungen aufgegriffen, verhört, und nach dem Ermessen der ordentlichen Militärgerichte (die seltsamerweise vor etwas mehr als 50 Jahren auch gut genug waren für deutsche Kriegsverbrecher und Nazi-Grössen) vor Ort zu Häftlingen erklärt. Nur zur Erinnerung: Wenn ein nicht anerkannter Bürgerkriegsflüchtling oder Asylsuchender in Deutschland sich ohne Erlaubnis aus dem ihm zugewiesenen Wohnbezirk entfernt, begeht er eine Straftat, wird ohne Haftprüfungstermin (geschweige denn überhaupt irgendeiner ernsthaften richterlichen Anordnung) in Sicherheitsverwahrung genommen, d.h. karge Zelle in Flughafennähe mit entsprechender Selbstmordrate, und nach durchschnittlich 3 Monaten unter Polizeischutz ins Flugzeug gezerrt. Von den Selbstmorden und Vorfällen mit Todesfolge muss ich hier hoffentlich nicht weiter berichten.

    Aber Gitmo ist ja sooo schlimm, und wenn nicht zufällig AI gerade die USA ausgesucht hätten, dann gäbe es gaaanz viel von obenstehendem zu lesen in den Jahresberichten.

    Oder, um es anders auszudrücken – Deutschland sollte erst mal seine eigene Abschiebepraxis und Haftbedingungen ändern, bevor sich nur ein einziger Deutscher zu Gitmo so äussert, als sei es das Schandmal unserer Zeit.

  2. johan

    Die Geschichte (ich meine nicht die vom Elefanten!) ähnelt einem endlos geflochtenen Band.
    Das Problem ist, dass auf so vielen Ebenen über das Problem des Terrorismus diskutiert und später gehandelt wird, dass es nahezu unmöglich ist klare Positionen einzunehmen.
    Der Autor „Grainger“ bemängelt im letzten Absatz, die USA würden einseitig auf ihre Fehler hingewiesen.
    Darauf könnte man dann wieder antworten, dass man die USA und Al-Qaida argumentativ nicht auf eine Stufe stellen darf und an einen „demokratischen Staatsapparat“ andere Ansprüche stellen muss als an Al-Qaida. Eine Demokratie muss sich eben unter anderem an der Einhaltung der Menschenrechte messen lassen, eine Terrororganisation oder ein totalitäres Staatswesen wohl nicht.
    Diese Argumentation ist aber genauso legitim, wie der Hinweis „der Fehler ist, daß die USA einseitig auf ihre Fehler hingewiesen werden“ obwohl sie sich vermeintlich wiedersprechen.
    Natürlich ist auch ein Problem wenn ai Guantanamo-Bay als „Gulag heutiger Zeit“ bezeichnet oder ähnliches. GB ist halt kein Gulag. Das macht GB trotzdem nicht besser oder schlechter.
    Aber das zeigt auch schon die zwingenden Konsequenzen für die Diskussion: Jedes kleine Bisschen zuviel ist zu vermeiden, da es nur der Argumentation meines „Gegners“ hilft, nicht aber meiner (vielleicht auch unserer) Sache.

  3. dietrich

    „Ich kann den Schwachsinn über “Folter” und “Misshandlungen” in Gitmo nicht mehr hören/lesen.“
    Ja, das ist Niko. Irgend etwas hat er nicht mitbekommen. Mittlerweile räumen selbst die USA Koranschändungen in ihren Gulags ein. Und US-Soldaten sind rechtkräftig wegen Folter und Misshandlung von Gefangenen verurteilt worden. Ihre Vorgesetzten leider nicht. Aber das stört Niko nicht. Die Realität wird einfach ausgeblendet. Das die Zustände in „Camp“ X-Ray besser sein sollen als in deutschen Gefängnissen, hefte ich unter AgitProp nach DDR-Vorbild ab.
    Nikos Problem besteht darin, dass jemand mal wieder auf die Zustände aufmerksam gemacht hat. Zustände, die dem deutschen Neocon nicht gefallen können. Aber das darf dieser ja nicht zugeben.

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