In seinem Artikel „Luft anhalten?“ schreibt Dr. Bittner über die Rolle journalistischer Berichterstattung im Terrorismus. Die Pole sind klar: Sensationswut verschafft Terroristen erst die Plattform, auf der viele Terror-Akte überhaupt erst Sinn machen. Auf der anderen Seite steht die Glaubwürdigkeit der Medien.

Man könnte man dem Terrorismus sicher Plattform entziehen, wenn sich die Massenmedien nicht in Bezug auf den Inhalt selbst beschränken, sondern in Bezug auf das Timing. Was würde wohl geschehen, wenn die Zeitungen bei einem Terror-Anschlag zeitnah nur einen Minimal-Bericht veröffentlichen, und die Details mit beispielsweise zwei Wochen Verzögerung?

Zum Beispiel:
Moskau, 2.9.2004: Terroristen haben im russischen Nordkaukasus eine Schule überfallen und zwischen 100 und 1000 Geiseln genommen. Um den Terroristen keine Plattform zu bieten, veröffentlichen wir weitere Details erst in zwei Wochen.

Moskau, 16.9.2004: […]

Die Berichterstattung nach dem 14-Tage-Embargo kann dann – wenn es die Sensationsgier der Masse hergibt – die vergangenen zwei Wochen in epischer Breite aufrollen, bevor sie beim „jetzt“ weitermacht. Einerseits ist bis dahin die Sensationsgier kräftig abgeflaut, andererseits verschafft man den Behörden damit zusätzlichen Handlungsraum. Das Problem ist ja nicht, daß eine präzise Berichterstattung nicht erwünscht wäre – es ist aber Fakt, daß die zeitnahe Berichterstattung im momentanen Modell die Abfolge der Ereignisse verändert. Wenn man also Berichterstattung (global) und Ereignisse vor Ort (lokal) zeitlich entkoppelt, gewinnt man Freiraum zugunsten langfristig friedlicherer Lösungen. Auf der anderen Seite kann präzise, glaubwürdige Berichterstattung nach Ablauf der zwei-Wochen-Frist ungehindert stattfinden. Die Brücke schlägt die (glaubwürdige) Ankündigung „[…] Details erst in zwei Wochen“.

Ein weiteres Beispiel: Das Buch How Real Is Real? (deutsch als Wie wirklich ist die Wirklichkeit?) enthält zu einem ähnlichen Thema ein spannendes Beispiel: Flugzeugentführungen. (Leider habe ich das Buch derzeit verliehen und muß darum den Sachverhalt aus dem Gedächtnis schildern)

In den 70ern gab es wohl einen Flugzeugtyp, bei dem eine der Türen von innen geöffnet werden konnte. Dadurch stand Flugzeugentführern grundsätzlich eine Flucht mit dem Fallschirm offen. Ein neues Muster entstand: Entführer erpressten etwas und flohen nach erfolgreicher Erpressung mit dem Fallschirm. Durch die Kombination von zwei Maßnahmen wurde diese Entführungswelle erfolgreich gestoppt:

  1. Die Türen wurden umgebaut, so daß sie nur von außen geöffnet werden konnten
  2. Die Sicherheitsdurchsage zu Beginn erhielt den Zusatz „wir machen sie darauf aufmerksam, daß alle Türen des Flugzeuges nur von außen geöffnet werden können“

Während die Änderungen an der Türverrigelung das Muster der Entführung ausschloß, mußte die Ausweglosigkeit einer Entführung den Entführern noch mitgeteilt werden.

Analog würde hoffentlich die Ankündigung: „Weitere Details in zwei Wochen“ den Behörden genug Handlungsspielraum verschaffen, um zu einer Lösung zu kommen.

Was wäre wohl die Reaktion eines Terroristen, wenn man ihm antworten würde: Jawohl, wir veröffentlichen Ihre Erklärung. In zwei Wochen. Bitte lassen sie die Geiseln frei. Jetzt.