Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Meine letzte Frage zum Thema war „Wie wird das dann erst, wenn die Türkei EU-Vollmitglied wird?“ – aber daß der Weg zur Vollmitgliedschaft über eine Intervention der USA führt ist wirklich der Gipfel.

Ist es nicht genug, daß unsere eigenen Regierungen uns belügen? Reicht es nicht, daß über die Hälfte der EU-Bürger in fast allen EU-Ländern gegen den Beitritt sind und sich unsere „demokratischen“ Regierungen einfach darüber hinwegsetzen? Müssen sich auch noch die USA einmischen? Seit der Termin „3. Oktober“ steht heißt es, die Beitrittsverhandlungen werden „ergebnisoffen“ geführt.

Über die Motive der USA wurde nichts geschrieben, aber der Türkische Ministerpräsident sagt selbst: „Wir werden unsere, von nationalen Interessen geleitete Haltung beibehalten.“ Wie er allerdings auf die Idee kommt, die Europäische Union habe die Türkei „mindestens ebenso nötig“ wie die Türkei die EU bleibt ein Rätsel.

Keine Ergebnisoffenheit mehr, „Gemeinsames Ziel der Verhandlungen ist die Mitgliedschaft“. Hut ab vor der Österreichischen Regierung, die es beinahe noch geschafft hätte – und immerhin einen Verweis auf Artikel 49 des EU-Vertrages und einen Hinweis auf die „Aufnahmefähigkeit“ der EU in den Vertrag verhandelt hat.

Doch die Aufnahmefähigkeit der EU geht am Thema vorbei. Das Zentrum der Schwierigkeiten mit der Türkei ist nur oberflächlich die Aufnahmefähigkeit – tatsächlich geht es um die Frage „Wer integriert hier wen?“. Die International Herald Tribune weist darauf hin, daß „By the time it could be expected to join, Turkey’s current population of 70 million people would probably have grown to outnumber that of Germany, now the largest European state. Under current rules, that would give it the most seats in the EU Parliament, skewing an already complex European agenda.“ Übersetzt:

Zur Zeit des erwarteten Beitritts würde die türkische Bevölkerung von heute 70 Millionen Menschen wahrscheinlich die Deutsche übertreffen. Deutschland ist jetzt der größte EU-Mitgliedsstaat. Nach heutigen Regeln würde das der Türkei die meisten Sitze im Europaparlament geben und so das ohnehin schon komplexe Programm der EU weiter verzerren.

Und wenn auf diese Weise die Türkei Europa integriert anstatt umgekehrt – wo geht der Zug dann hin? Das Problem mit der Türkei ist eben nicht, daß Europa „voll“ ist. Das Problem ist, daß Muslime nach einem völlig anderen Wertesystem leben – einem, das Toleranz als Schwäche sieht und gnadenlos ausnutzt. Dabei braucht man Ministerpräsident Erdogan keine schlechten Absichten zu unterstellen: Das Land ist zu groß, um innerhalb weniger Jahrzehnte so grundlegend seine Kultur zu ändern. Zum Vergleich: der gleiche Vorgang dauerte für den Rest von Europa etwa von 1517 (Luthers 97 Thesen) bis zu Voltaires berühmten „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ im späten 17. Jahrhundert sind rund zweihundert Jahre vergangen. Übrigens hat dieser kollektive Lernvorgang im Vorbeigehen auch den 30jährigen Krieg ausgelöst. Wir haben uns Humanismus und Aufklärung hart erarbeitet und sollten sie schätzen und schützen.

Es ist eine Illusion, daß wir der muslimischen Welt Toleranz beibringen könnten. Eine Religion, die „Unterwerfung““ heisst, wird Toleranz notwendigerweise als Schwäche interpretieren und ausnutzen.