Faktensammlung

  1. Im September 2005 veröffentlichte die Dänische Zeitung Jyllands-Posten zwölf Zeichungen (entgegen der gängigen Berichterstattung sind nur elf davon Karikaturen!) im Umfeld „Islam – Mohammed“.
  2. Einige dieser Karikaturen thematisierten Terrorismus, den Umgang mit Frauen im Islam und andere gängige Vorurteile. Andere thematisieren, daß der Prophet nicht abgebildet werden darf! Eine Zeichnung hat kein offensichtliches Thema. Es ist in der öffentlichen Diskussion nicht Thema, ob die Zeichnungen ein Thema in einem oder mehreren Artikeln thematisieren.
  3. Es ist in der öffentlichen Diskussion weiterhin nicht Thema, wieviele andere Karikaturen über dieses Themenfeld schon existieren.

Vermutungen

  1. Angeblich waren die Zeichnungen Auftragsarbeiten, die eine regierungsnahe Zeitung ausschrieb, um das Sommerloch zu füllen. Thema war wohl „Der Islam“ oder so ähnlich. Sogar wenn all das stimmt: Mehr als ein verschärftes „Du-Du-Du“ sollte das der Zeitung nicht einbringen.
  2. Im Spiegel-Interview „Wir Dänen fühlen uns wie im falschen Film“ berichtet der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen von verschiedenen Versuchen islamischer Gruppen, mit ihm über die Zeichnungen zu sprechen. Ich kann nachvollziehen, daß der Herr Ministerpräsident bei einem Anliegen von der Größe einer Zeichnung ein Gespräch ablehnt. Die Delegation von Botschaftern bespricht das Thema mit dem Außenminister.
  3. Die Forderung, mit rechtlichen Mitteln gegen die Zeitung vorzugehen, lehnt Herr Ministerpräsident Rasmussen mit dem höflichen Hinweis ab, „dass ich das in einem demokratischen Rechtsstaat nicht kann und nicht will.“ Ich kann auch nachvollziehen, daß er sich nicht für das Verhalten jedes einzelnen „seiner“ Bürger entschuldigt.
  4. Es scheint, daß daraufhin eine Gruppe von dänischen Imamen in den Nahen Osten gereist ist, um dort die Proteste zu schüren. Diese Behauptung wird gestützt durch die lange Zeit (drei, vier Monate) zwischen der Veröffentlichung der Zeichnungen und den Protesten.
  5. Bei gewalttätigen Protesten gegen die Zeichnungen im Nahen Osten und Asien brennen Häuser und Fahnen, Menschen sterben, westliche (!) Unternehmen werden boykottiert. Es ist davon auszugehen, daß die meisten protestierenden die Zeichnungen nie gesehen haben: Westliche Fahnen werden wahllos verbrannt, einschließlich der Fahne der USA (die sich von den Zeichnungen ausdrücklich distanziert haben), der Fahne der Schweiz (die, wie immer, nach Kräften Neutralität wahrt) und Frankreichs (dem größten politischen Verbündeten, den die arabischen Länder in der EU haben).

Geschichte

Religionsfreiheit, Pressefreiheit und die Trennung von Kirche und Staat sind in Europa sind keine theoretischen Konstrukte, sondern Grundrechte / Menschenrechte (wer kennt den Unterschied :-)?), die wir uns in der Reformation und den dazugehörigen Kriegen hart erarbeitet haben. Europa hat schon ausprobiert, wie gut die Welt funktioniert, wenn wir „Rücksicht“ auf Meinungen erzwingen – das Ganze hieß früher Zensur und war zuletzt im Dritten Reich weit verbreitet.

Schlussfolgerungen

Die Akteure:

  1. Jyllands-Posten: Hat sich möglicherweise der Geschmacksverirrung schuldig gemacht. Man bedenke jedoch: Die Karikaturen waren für Dänemark gemacht, für eine dänische Leserschaft, ein Vergleich mit den Auswirkungen auf die Arabische Welt ist jedoch verfehlt: Es gibt sicher schon tausende ähnlicher Karikaturen, die die Welt nie wahrgenommen hat. Die heftige Rezeption in Dänemark zeigt jedoch, daß es Bedarf an einer Werte-Diskussion auch in Dänemark gibt: Wenn die dänischen Imame im Ausland Unruhe stiften, sollte man über die Integration vor Ort in Dänemark noch einmal reden – und wenn wir aus der Reformation gelernt haben, darf diese Integration nicht auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner beruhen.
  2. Ministerpräsident Rasmussen: Wie schon erwähnt: Er kann gegenüber der Zeitung nichts unternehmen (es gibt keinen Grund anzunehmen, daß es in Dänemark ein Delikt wie „Religionsbeleidigung“ gibt), und in einer Demokratie sollte er auch nicht. Er sollte sich auch nicht für das Verhalten seiner Bürger entschuldigen.
  3. Dänische Imame: Im Zweifel für den Angeklagten: Hoffentlich haben die Imame nur auf einer regelmässigen Reise ihren Frust ausgedrückt und nicht, wie behauptet wird, gezielt den Nahen Osten bereist um die Zeichnungen bekannt zu machen. Jedenfalls: Wenn irgendjemand das entstehende Chaos hätte vorhersehen und verhindern können, dann sie. Alle anderen („wir“ in Europa, Moslems im Nahen Osten und Asien und überall) sind Opfer. Der Westen fällt wieder einmal auf eine Vertauschung von Täter, Opfer und Retter herein.
  4. Menschen im Westen: Bitte steht zu euren Werten! – Wir mussten in Europa Toleranz, Grundrechte und Menschenrechte zum Zeitalter der Aufklärung lernen. Diese Toleranz darf jetzt nicht gegen die Grund- und Menschenrechte gekehrt werden!
  5. Muslime: Bitte widerlegt die Karikaturen – zeigt, daß ihr dem Erbe des Propheten würdig seid (siehe Legende am Ende).

Die Karikaturen unter den Zeichnungen zeigen auf die schwierigen Seiten des Islam: Die Bereitschaft zur Gewalt, der schlechte Umgang mit Frauen, und die Tatsache, daß eine gewisse Zensur fest eingebaut ist (man darf den Propheten nicht abbilden). Durch die Proteste werden viele dieser Vorurteile bestätigt. Ansonsten sind die Zeichnungen einfach nur flach und die Aufregung nicht wert.

Leider trifft jede Karikatur, die auf eine Religion zielt, die Gläubigen ins Mark. Das ist der Sinn einer Karikatur, sie ruft dazu auf, sich zu prüfen, das zu hinterfragen an das man glaubt – um am Ende daraus zu lernen. Möglicherweise, daß man das falsche geglaubt hat, möglicherweise, daß man das richtige glaubt und darin bestärkt ist.

Die Antwort, die wir in der arabischen Welt gerade erleben, ist weit jenseits einer zivilisierten Diskussion, weit jenseits eines Verhaltens, das man mit Toleranz noch begründen kann.

Immerhin gilt in unserer Welt die Meinungsfreiheit auch als Rezipientenfreiheit: Niemand darf mich dazu zwingen, Medien zu rezipieren, die ich nicht will. Auch keine Zeichnungen. Und, übrigens, die Zeichnungen wären ohne die lautstarke Mithilfe aus dem Nahen Osten nie so populär geworden…

Abschluss: Eine Legende

Bekanntermaßen hatte Mohammed, der Prophet, auch seine Schwierigkeiten, als er seine Religion gründete. Angeblich gab es zum Beispiel eine Frau, die ihn auf dem Weg zur Moschee täglich mit den Eingeweiden von Schafen bewarf. Doch der Prophet sagte nie etwas, unternahm nichts dagegen und änderte auch seinen Weg nicht – er ging einfach Tag für Tag zur Moschee, und sie bewarf ihn jeden Tag mit Eingeweiden. Eines Tages ging er vorbei, und sie war nicht da. Der Prophet erkundigte sich was mit ihr geschehen war. Es stellte sich heraus, daß sie krank war, und der Prophet brachte ihr Nahrung und Wasser.