Zwischen die Bäume sehen — Elefanten an der Kette — Koffer auf dem Dach

Endlich: Kein Kulturschock mehr, wenn man nach Indien reist. Damit ist der Weg frei für neue Abenteuer, insbesondere für eine Safari in den Dschungel – und die haben wir bei der letzten Tour gemacht. Drei Erlebnisse waren diesmal wirklich bemerkenswert und lehrreich:

Zwischen die Bäume sehen

Die Erfahrung einer Dschungel-Safari kann ziemlich langweilig werden. Interessand sind dabei logischerweise die Tiere, die man sehen kann – wenn man sie denn sehen kann! – Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, daß der Urwald tatsächlich lebt, es ist immer ‚was los: Vögel, Insekten, Affen, Wild… Nicht nur die Wüste lebt, sondern der Urwald auch. Aber man sieht die Tiere nicht. Klar, sie wollen ja auch nicht gesehen werden, aber was genau geht in unserem Gehirn dabei schief?

Nach ein paar Stunden wird mir die Antwort klar: Wir sehen falsch, wir schauen und richten unsere Aufmerksamkeit auf Dinge, also zum Beispiel auf Bäume. Wenn wir auf den Baum schauen, finden wir den Affen auf dem Ast nicht mehr, denn wir schauen ja (absichtlich) den Baum an. Sobald man anfängt, zwischen die Bäume zu schauen erlebt man die Wunder unserer Welt im Urwald, und wenn man keine Tiere mehr sieht (und die Welt wieder langweilig wird) erkennt man daran, daß man wieder in alte Seh-Gewohnheiten zurückgefallen ist.

Doch wenn das im Urwald so ist, dann ist es doch im Alltag sicher auch so… Wie kann man lernen, die Dinge so zu sehen wie sie sind???

Elefanten an der Kette

Ein weiteres Aha-Erlebnis erwartete uns beim Elefanten-Reiten. Dazu fuhren wir von unserem Camp aus weit in den Dschungel zu einem Elefanten-Lager. Neben anderen Ereignissen fanden wir dort eine erwachsene Elefanten-Dame an einen Baum gekettet. Naja Baum… einen größeren Zahnstocher.

Der Elefantenführer erklärte uns daraufhin: Natürlich sei diese Elefanten-Dame so stark, daß sie die Ketten in nullkommanichts zerreißen könnte. Sie könnte auch ohne mit der Wimper zu zucken den Baum abbrechen indem sie sich dagegenlehnt oder ernsthaft an den Ketten zieht, alternativ dazu könnte sie ihn wahrscheinlich auf einfach mit dem Rüssel ausreißen. Aber sie ist schon seit Elefanten-Kindesbeinen immer wieder so „an die Leine“ genommen worden – und damals klappte das alles noch nicht. Damals hatte sie also Grenzen ihrer Fähigkeiten gelernt, die heute nicht mehr existieren. Sie ist also mehr von ihren Gewohnheiten gefesselt als von den Stahlketten.

Wie oft passiert uns das, daß wir unter Gewohnheiten leiden, unter Beschrängkungen, die heute gar nicht mehr aktuell sind? Wo fesseln wir uns durch unsere eigene Sicht der Dinge selbst?

Die Koffer auf dem Dach

Auf dem Rückweg in die „Zivilisation“ waren wir, wenn man das Gepäck mitrechnet, etwas zu viele für unseren Jeep. Klarer Fall, das Gepäck kommt aufs Dach. Also fuhren wir ein paar Stunden mit dem Gepäck auf dem Dach über die Pisten, und wir waren nicht alle immer glücklich darüber, daß unsere schönen Koffer (–> europäisches Statussymboldenken) dem Straßenstaub ausgesetzt waren. Irgendwann trennten sich unsere Wege, die „Einheimischen“ waren angekommen und die Europäer mußten noch einige Zeit hoplern bis zum Flughafen. Während die Europäer noch über Staub und Koffer jammerten kletterte der Fahrer ganz selbstverständlich aufs Dach, um die Koffer herunterzuholen: Da die drei Kollegen ausgestiegen waren, war jetzt auch für die Koffer genug Platz drinnen.

Die Moral von dieser Geschichte:

  • Anstatt zu jammern kann man auch handeln – oder wenigstens nachdenken
  • Nervige Beschränkungen sollte man hin und wieder auf ihr Vorhandensein überprüfen.

… denn es war ja für den ersten Teil der Fahrt sinnvoll, das Gepäck auf dem Dach zu verstauen (lieber das Gepäck als die Menschen… sieht man in Indien auch gelegentlich…), aber die Beschränkung für das Fahrzeuginnere war irgendwann nicht mehr gültig…