Gerade bei Spiegel Online: Der Artikel „Aufschwung ins Lohnminus“ fragt: „Wirtschaftswissenschaftler streiten sich: Darf man die Menschen in Zeiten des Aufschwungs derart frustrieren?“

Was ist das denn für eine Frage? – Vor allem unterstellt sie, daß irgendwo irgendwer absichtlich andere Leute frustriert.

Klar ist es nicht schön, daß man hart arbeitet, sogar noch ein kleines Plus drinn ist, und am Ende kommt doch nicht mehr Kaufkraft dabei raus. Dabei frage ich mich auch, wieviel Kaufkraftunterschied der Einzelne tatsächlich bemerkt, wenn er nicht von der Zeitung darauf aufmerksam gemacht wird… Die Kaufkraft schwankt sicher saisonal stärker als der Jahresdurchschnitt von einem Jahr zum nächsten…

OK, also: Frust mit der Kaufkraft, spätestens dank der Skandalpresse. Einfach gesagt, die Einkommen steigen langsamer als die Preise. Da könnte man also zwei Maßnahmen ergreifen: „Die Einkommen“ steigern, oder „die Preise“ senken. Leider ist das alles nicht so einfach.

„Die Einkommen“
Normalerweise ist unter dieser Überschrift der Ruf an die Arbeitgeber laut, nicht so sehr auf dem Geld zu sitzen. In diesen Tagen hat sich bspw. der Bundespräsident hervorgetan: „Köhler geißelt Maßlosigkeit der Manager“ titelt Spiegel Online (schon wieder die :-)) – doch bei näherer Betrachtung ist das etwas zu einfach:

  • Wenn Manager weniger verdienen, heißt das noch lange nicht, daß die Arbeitnehmer mehr verdienen!
  • Damit Arbeitnehmer mehr verdienen, muß man die Manager-Gehälter normalerweise nicht anpacken.

Da steht noch der Unternehmensgewinn wie ein Puffer dazwischen! – Erfundene 10.000.000 € Kürzung der Bezüge im Vorstand klingt nach viel – aber bei Siemens mit 475.000 Beschäftigten sind das weniger als 2 Euro pro Nase und Monat… Abzüglich Abzüge!

A propos Abzüge:

  • Damit Arbeitnehmer mehr bekommen, müssen sie nicht notwendigerweise mehr verdienen

Der Witz „ich hätte gerne meine Abzüge ausbezahlt“ ist leider viel zu wahr, um schön zu sein. Zum dritten Mal Spiegel Online: „Arm Durch Arbeit: Arbeitnehmer – die wahre Unterschicht“ heißt es da, und dieser Artikel erklärt detailliert, daß die realen Einkommen über die letzten 20 Jahre sich sehr ungleichmäßig entwickelt haben.: Arbeitnehmer stagnieren, denn die Brutto-Netto-Differenz wächst etwa mit den den Löhnen.
Gleichzeitig bekamen sowohl die „Selbständigen“ (im weiteren Sinne) als auch die Empfänger von Transferleistungen (Sozialhilfe, Rente, Arbeitslosengeld) deutlich mehr. In Summe:

Je weniger die Bürger mit der Finanzierung des hiesigen Wohlfahrtsstaates zu tun hatten, desto günstiger entwickelte sich ihr Haushaltsbudget.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, vielleicht sollten sie zunächst diesen Mißstand geißeln?

„Die Preise“
Auch die Preise gestalten sich bei näherem Hinsehen nicht so homogen, wie man das vermuten würde… Drei Hauptfaktoren werden zitiert: Energiepreise, Lebensmittelpreise und der starke Euro.
Zu den Lebensmittelpreisen: Die gängige Begründung für die steigenden Lebensmittelpreise ist, daß in der Landwirtschaft Lebensmittel mit alternativen Energien um Ressourcen (hauptsächlich Acker- und Weideland) konkurrieren. Also steigen die Lebensmittelpreise, vereinfacht gesagt, indirekt wegen der steigenden Energiepreise.

Daß die Energiepreise steigen ist wiederum schon seit ~1970 keine Überraschung. Begrenzte Ressourcen kombiniert mit steigender Nachfrage stoßen irgendwann, früher oder später, an Grenzen. Man hätte sich eben darauf vorbereiten sollen… – auf der anderen Seite: Sind wir wirklich so schlecht vorbereitet? Deutschland ist in der Öko-Industrie ganz vorne mit dabei! – Daß es immer noch nicht reicht, steht auf einem anderen Blatt. Und daß wir noch keine grundsätzliche Lösung für das Problem haben, sollte man auch nicht aus dem Auge verlieren: Vielleicht kann man am Timing etwas machen, aber langfristig ist eine Explosion der Energiepreise nicht aufzuhalten.

Dann ist da noch der starke Euro. Das ist tatsächlich ärgerlich. Auch das ist bei näherer Betrachtung nicht wirklich überraschend (in der Intensität wohl schon, und das Timing war einfach nicht vorhersehbar, aber im Prinzip war’s klar). Und wer sollte jetzt etwas dagegen tun?
Die Bundesregierung? –> was denn? – so viele Möglichkeiten gibt’s da nicht…
Die EZB? –> kann auch nur indirekt eingreifen und muß noch eine handvoll anderer Faktoren mit betrachten
Die US Federal Reserve? –> die hat momentan andere Probleme…
„Der Markt“? –> wer genau ist das denn?

Und übrigens: Wir sind hier schon um zwei Indirektionen (1: Einkommen / Preise, 2: Energie, Lebensmittel, starker Euro) von der ursprünglichen Frage nach der Kaufkraft entfernt… Wenn man hier noch über die Feb in Übersee eingreift – wieviel kommt davon noch an?

Zurück zu der Frage: Darf man die Menschen derart frustrieren? – Mir gefällt’s auch nicht, aber nach der Erlaubnis hat einfach niemand gefragt.

Jammern nutzt nix – shit happens, mit solchen Konstellationen muß man einfach leben.