Unter der Überschrift „Gesucht: Das Thema für mein nächstes Blog – eine Umfrage“ stellt Claudia Klinger implizit den Trend zum Themenblog in Frage. Meine Meinung ist: Gemischtwarenladen ist Klasse! Die Argumentation kommt von prominenter Stelle – und ich stehe 100% dahinter:

Vor etwas über zehn Jahren hat zu diesem Thema Tim Berners-Lee, einer der Erfinder des World Wide Web sozusagen am Ort des Verbrechens, nämlich am CERN, seine Vision zu Themen wie diesen. Leider ist der Link dazu auf der Seite „Presentations of the W3C“ nicht mehr aufzufinden.

Meine Erinnerung sagt mir, daß Tim ~1998 eine starke Vision zeichnete, daß eines Tages Web-Technologien eine weltweite Kommunikation ermöglichen: Während noch 20 Jahre früher z.B. ein Didgeridoo-Fan im ländlichen Schottland sicher nicht regelmässig mit Gleichgesinnten Erfahrungen austauschen könnte, waren ~1998 schon die ersten Online-Communities am Start. Es zeichnete sich ab, daß für alles und jeden eine Community gefunden werden könnte. Heute, nur zehn Jahre später, haben wir zu vielen Themen online eher die Qual der Wahl als eine Suche nach Ressourcen und/oder Gleichgesinnten. Damals gab es zwar das Blog noch nicht, und noch viel weniger das Themenblog – doch Richtung und Ausrichtung waren schon klar.

Ebenso klar stellte Tim in seinem Vortrag die Gefahr da, und ich höre seine Stimme noch: „Cultural Potholes“ nannte er es damals, kulturelle „Töpfe“. Im deutschen Sprachraum habe ich dafür schon „geistige Monokultur“ gehört: Unser freundlicher Didgeridoo-Fan tauscht sich online zu seinem Lieblingsthema, dem Didgeridoo aus, und vielleicht noch zu zwei, drei weiteren Steckenpferden – doch der Stellenwert, den früher die geographische  Nähe einnahm, wird nicht gefüllt: Abwechslung, die Begegnung mit dem ungeliebten, die Konfrontation mit Themen, auf die man früher lieber verzichtet hätte, und auf die man heute tatsächlich weitgehend verzichten kann.

Beispielsweise die Konfrontation mit Alter und Tod: In einem ländlichen Dorf, egal ob in Schottland oder im Allgäu, wird jeder früher oder später mit Alter und Tod konfrontiert. Heute kann man leicht vor diesen und tausenden anderen Themen die Augen verschließen.

Es herrscht die freie Auswahl der Zerstreuung, in einem Ausmaß, daß wir oft schon bei der Wahl der Ablenkung mit einer Qual der Wahl konfrontiert sind – wo bleibt der Blick für das Wesentliche, für die Ganzheit der Welt, die Inspiration durch das Unerwartete, durch ein Spannungsfeld gerade auf der Meta-Ebene?

Der Blick für die Ganzheit einer Person bleibt auf der Strecke, wenn wir uns nicht bewusst den Gemischtwarenläden zuwenden. Online und Offline.

Claudia fragt: „welches Thema ist am spannendsten?“ – meine Antwort ist: „Das Digital Diary“. Bitte nicht diversifizieren. Weiter so.

Prese