Stehen die wichtigsten Themen tatsächlich nicht auf dem Programm? Oder haben wir einfach keine Antworten?
In dem Artikel „Die Wahl einer Provinzregierung“ steckt viel Wahres – und leider auch an einigen Stellen ein häufiger Irrtum: Die Verwechslung des Ergebnisses mit der Absicht. Ich fand den Artikel jedenfalls super-inspirierend.

Beispiel: Pazifismus

Dem Wunsch nach einer friedlichen Welt wird sich sicher jeder anschließen. Vielleicht mit Ausnahme von ein paar Krawallos. Vielleicht mit Ausnahme von ein paar Diktatoren. Meine tägliche Erfahrung mit meinen geschätzten Kollegen ist: Mein Argument kann noch so stichhaltig sein, ich kann mir trotzdem den Mund fusselig reden und nichts passiert. Kommt der Chef, will das gleiche, passiert’s sofort. Die Masse der Menschheit scheint mir einfach nicht den Grad an Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung gefunden zu haben, den „wir alle“ für eine friedliche Welt brauchen, und das schwächste Glied bricht die Kette. Ich glaube auch nicht, daß Ausbildung diese Lücke schließen kann. Ausbildung hilft, selbstverständlich. Chancengleichheit hilft, selbstverständlich. Doch Menschen reifen nicht wie Käse, der nach drei Wochen „fertig“ ist. Menschen kommen von verschiedenen Ausgangspunkten, jeder durchläuft seine eigene Entwicklung – und jeder erreicht sozusagen seinen eigenen Reifegrad. Im Großen wie im Kleinen: Es wird immer Knalltüten geben, die glauben, daß sie „mehr“ bekommen, wenn sie anderen etwas wegnehmen, und wenn sie das aus eigener Kraft nicht können, holen sie ihren großen Bruder oder einen Überzeugungsverstärker der Marke Smith&Wesson (o.ä.). Das schwächste Glied bricht die Kette: Solange es noch Krawallos gibt, muß die Staatengemeinschaft fähig und willens (!) dazu sein, ihnen wirksam einen Riegel vorzuschieben. Sogar wenn 99% der Menschheit friedliebend und gesetzestreu sind.

Gefällt mir das? – Nein. Aber ich denke, daß ich mit dieser Interpretation den Tatsachen ins Auge sehe.

Ist die Welt gewalttätiger, weil  es Militär gibt? Nein, ich glaube daß unsere Welt friedlicher ist weil es Militär gibt. Wenn 99% der Menschheit friedliebend und gesetzestreu sind, ist die Existenz von Militär tatsächlich kein Problem. Die Meinungsverschiedenheiten finden wir am verbleibenden Prozent der Menschheit. Zum Beispiel: Gehören die Taliban in Afghanistan dazu? Wenn ja: Können / wollen / sollen wir etwas dagegen unternehmen? Wenn nein: Sind wir bereit, die Konsequenzen eines Irrtums zu tragen? Und / oder: Falls wir eingreifen, sind wir bereit die Konsequenzen eines oder mehrerer Irrtümer zu tragen?

Übrigens gilt das gleiche für die Polizei: Online-Durchsuchungen, Polizeibefugnisse für den Verfassungsschutz und so weiter und so weiter: Mit 99% FUGB (Friedlichen Und Gesetzestreuen Bürgern): Brauchen wir das wirklich? Doch wenn der Staat das Gewaltmonopol beansprucht, bekommt der Staat im Gegenzug die Pflicht, mich als FUGB zu beschützen!

Es braucht gute Gesetze und eine Polizei, die nach Kräften die Einhaltung dieser Gesetze garantiert, und diese Polizei muss das Gewaltmonopol bekommen. Das heißt, niemand anders darf Waffen anwenden (und möglichst auch nicht besitzen, wenn sie auf Menschen anwendbar sind), außer die als Polizei Legitimierten.

Richtig, doch der Teufel steckt im Detail…

Beispiel: „Wir müssen uns ändern“ bzw. „Fetisch Wachstum“

Auch hier: Solange die Masse der Menschen nicht zu der Reife gefunden hat, daß Glück von innen kommt, ist „Wirtschaftswachstum“ das zwingende Ergebnis: Wenn mein Nachbar besser, schöner, angesehener sein will als ich kann er mehr oder klüger oder beides arbeiten. Wenn ich das Umgekehrte will, stehen mir die gleichen Mittel offen. Ich glaube, daß Wirtschaftswachstum in seinem Kern nicht durch Politiker und „die Wirtschaft“ gemacht ist, sondern daß es das Ergebnis einer fundamentalen menschlichen Eigenschaft ist: Der Gier. Ich kann mir mit etwas Mühe vorstellen, daß man die Bezüge der Banker regulieren kann – doch daß man Gier abschaffen kann kann ich mir nicht vorstellen. Wieder gefällt es mir nicht, und wieder versuche ich nur, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

Und: Derjenige, der als erster lernt, mit seiner individuellen Gier anders umzugehen, steht da wie der Depp. Zusätzlich zum Umgang mit Gier muß er oder sie also auch einen besseren Umgang mit seinem Selbstverständnis finden, sonst wird das Erreichte nicht lange halten.

Beispiel: Washington und die UNO

Die Einsicht, daß acht Jahre Bush Deutschland stärker geprägt haben als ungefähr alle unserer Bundesrepublik-Regierungen ist ein Hammer. Allein dafür lohnte es sich, den Artikel zu lesen.

Wir brauchten eine demokratisch gewählte, unbestechliche Weltorganisation, die viel mächtiger ist als die jetzige UNO.

Ja, so etwas hätte ich auch gerne. Doch „unbestechlich“ ist ein großes Wort, und solange wir Gier nicht verbieten können, wird das wenigstens mit „unbestechlich“ nichts werden. Für den Einstieg wäre nützlich, wenn die UNO einen filibusternden Gaddafi stoppen könnte. Wenigstens den Redefluß. Als nächstes müsste man meiner Meinung nach, ganz im Sinne des Pazifismus, die Nuklear-Ambitionen im Iran wirksam stoppen. Doch wenn wir von heute auf morgen eine globale Wahl abhalten könnten: Welcher Anteil der Weltbevölkerung hat denn überhaupt schon einmal vom Iran gehört? – Demokratie funktioniert nur so gut wie die Bildung der Wähler. Das erleben wir ja auch schon hier in Deutschland.

Was international zu lösen ist

Die Liste bei „Schreibkunst“ ist lang. Ich möchte versuchen, tatsächlich sieben Generationen vorauszudenken. Damit wird meine Liste relativ kurz:

  • Die Welt (Weltpolitik, Weltwirtschaft, …) muß sicher und stabil von einem Tag zum nächsten laufen und dabei jeden Tag ein bisschen besser werden. Das schränkt den Wandel ein, aber auch das Risiko.
  • Menschliche Reife als Wert muß propagiert werden, bis jeder auf der Welt diesen Wert anerkennt. Dazu gehört Menschenwürde, Bildung, Chancengleichheit usw. – und gleichzeitig lässt es sich nicht erzwingen oder herstellen. Ein Staat oder viele, UNO als Weltregierung – egal. Wenn die Menschen „vernünftig“ miteinander umgehen ist alles möglich.
  • Wir Menschen müssen unser eigenes Bevölkerungswachstum stoppen, egal was die Kirche zu einigen der tauglichsten Mittel sagt. –> Club of Rome
  • Wir Menschen müssen ein stabiles Gleichgewicht im Umgang mit unseren Ressourcen finden. Dazu gehören alle Formen von Energiegewinnung und „Energiemüll“, Rohstoffe und Müll – und was auch immer sonst noch in sieben Generationen Ärger machen könnte. –> Club of Rome

Sieben Generationen vorausdenken? Au ja. Doch in einer Demokratie bekommt eben jedes Volk die Politiker, die es verdient. Solange die Senioren unserer Gesellschaft sich durch Rentenerhöhungen „bestechen“ lassen, kommen wir nicht einmal auf eine ausgewogene Abdeckung der heute lebenden Generationen.

Vier Jahre Legislaturperiode… Ist das zu viel oder zu wenig? – Angeblich trifft in unserer Gesellschaft jeder Mensch mehr Entscheidungen in der Woche als die Menschen vor hundert Jahren in ihrem ganzen Leben. Gemessen daran müsste man die Legislaturperioden auf etwa ein 1500stel (30 Jahre à 50 Wochen) kürzen. Eine interessante Vorstellung: Täglich Wahl. Doch eigentlich wollten wir die Politiker vom ständigen Wahlkampfdruck entlasten, damit sie weder durch Geld noch durch Wiederwahl oder Meinungsumfragen bestochen sieben Generationen vorausdenken können. Lang lebe Königin Angela VII. Die nächste Wahl wäre etwa 2220 (sieben Generationen à 30 Jahre). Doch ob es davon tatsächlich besser wird?

Mir scheint, es gäbe in diesen Diskussionen kein „absolut richtig“ oder „absolut falsch“. Für mich steht fest, daß die Extreme nicht haltbar sind, in keinem Themenfeld: Das liegt in der menschlichen Natur. Der Gier, der Stolz der Menschen usw. summiert sich zu der Welt auf, die wir gerade erleben. Mit all ihren Stärken und Schwächen sind doch die wenigsten Menschen für sich alleine genommen problematisch, aber das Ganze ist deutlich mehr als die Summe von Millionen oder Milliarden Einzelnen.

Wenn die Politik der jeweils aktuellen Lage auch nur halbwegs angemessen ist, ist schon viel gewonnen. Schließlich sind übrigens auch unsere Politiker nur Menschen.