Der DGB hat eine Studie über Arbeitslosigkeit u.a. von Abiturienten veröffentlicht – hier geht’s zum Original: http://www.dgb.de/2009/10/arbeitslosigkeit_abiturienten.pdf

Heise.de berichtete hier, uns Spiegel Online hier.

Und ich versuche mit ein bisschen gesundem Menschenverstand und einer  gesunden mathematischen Halbbildung herauszubekommen, wieviel die jeweiligen Redakteure vom Thema verstanden haben. Dazu ein Wort vorweg: „Prozent“ bedeutet „von Hundert“ oder „Hundertstel“.

Das bedeutet, „Prozent“ ist eine wertlose Angabe, wenn nicht angegeben wird, wovon die Prozente genommen werden. Auch eine Angabe wie „3% der 10%…“ ist meistens irreführend, denn es ist nicht klar, worauf sich die 3% beziehen: Wenn es wirklich „3% von 10%“ sind, dann bleiben nur 0,3% übrig. Meistens sind jedoch „3 Prozentpunkte“ gemeint. Beispiel: Von hundert Äpfeln sind 10 sauer, das sind 10%. Von diesen zehn Äpfeln sind drei rot: Das sind dann nicht 3% von 10% (wie oben vorgerechnet: 0,3%) sondern drei Prozentpunkte…

Das Ganze wird bei Wikipedia teilweise (!) sehr anschaulich erklärt.

Zurück zur Jugendarbeitslosigkeit:

Im Original der DGB-Studie zeigt das erste Bild unter der Überschrift „Arbeitslosigkeit bei Fach- und Hochschulabsolventen besonders stark gestiegen“ ein Beispiel für Prozentangaben ohne Basis (also ohne Antwort auf die Frage „Prozent wovon?“): Handelt es sich bei den Zahlen in dem schönen Balkendiagramm um Arbeitslosenquoten (ungefähr: Prozent von der erwerbsfähigen Bevölkerung), um Wachstum relativ zum entsprechenden Basiswert (z.B. ~25% mehr arbeitslose Abiturienten als im Vergleichszeitraum) oder um Anteile an der Gesamt-Arbeitslosigkeit?

„Anteile an der Gesamtarbeitslosigkeit“ lässt sich ausschließen: Dann sollte sich das Bild wenigstens zu 100% aufsummieren – tatsächlich beträgt die Summe 46,1 Einheiten (Prozent kann man dazu noch nicht sagen, weil sich ohne weiteres nur Prozentsätze zusammenzählen lassen, die sich auf die gleiche Grundmenge beziehen…).

Wo ein Wissenschaftler die Info schon in die Grafik gepackt hätte hilft hier der Text etwas weiter: „Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Fach- oder Hochschulreife hat sich im ersten Krisenjahr um fast ein Viertel erhöht und ist damit zwei- bis viermal so stark gestiegen, wie bei den anderen Personengruppen.“ – es scheint sich also um Wachstumsraten relativ zum entsprechenden Basiswert zu handeln. Schade nur, daß der Vergleichszeitraum nicht präzise angegeben ist: Bei Statistiken wie diesen kann schon ein Monat zu erheblichen Schwankungen führen. Gehen wir der Einfachheit davon aus, daß „Im ersten Krisenjahr“ wenigstens für jede der Zahlen den gleichen Zeitraum bezeichnet :-/ Was haben wir bisher tatsächlich über die Zahlen herausgefunden? – faktisch wesentlich weniger als emotional!

Der nächste Satz liefert endlich Fakten, Fakten, Fakten: „Zwischenzeitlich zählen gut 480.000 Arbeitslose zu dieser Gruppe mit den höchsten Schulabschlüssen. Ihre Zahl ist nur noch um knapp 30.000 niedriger als jene, die keinen Schulabschluss haben.“ Hier gibt es kein Deuten und kein Rechnen. Oder? – Zunächst fällt das Wörtchen „Zwischenzeitlich“ auf. Im korrekten Sprachgebrauch heißt das: „vorübergehend“, oder „es gab einmal einen Zeitpunkt, zu dem …“ – Umgangssprachlich wird „zwischenzeitlich“ aber auch oft für „inzwischen“, also „nach einer längeren Entwicklung ist der Stand jetzt: … “

So weit so gut, was sagt uns dieser Vergleich? – Zunächst, daß 510.000 Arbeitslose keinen Schulabschluß haben. Arbeitslose „ohne Schulabschluß“ und „Arbeitslose mit Abitur o.ä.“ summieren sich also zu etwa 990.000 – bei einer Gesamtarbeitslosigkeit von >4 Mio.

Der Haken ist: Von einem niedrigen Niveau ist leicht wachsen. Zur Illustration: Mein Freund hat eine Firma, die 2009 ihre Kundenzahl mehr als verdoppeln konnte. Jetzt haben sie schon drei Kunden! (vorher hatten sie nur einen :-)) – Eine Verdoppelung der Kundenzahl für bspw. die Deutsche Telekom mit -zip Millionen Kunden ist praktisch unmöglich. Also: Um einen Bezugspunkt für die oben genannten fast 25% zu finden, müsste man sich auch die Zahl der tatsächlich beschäftigten Abiturienten ansehen, ebenso wie man sich die Zahl aller Einwohner ohne Schulabschluß ansehen müsste. Falls in einem angenommenen Extremfall vor dem „ersten Krisenjahr“ drei Viertel (also 75%) der Einwohner ohne Schulabschluß arbeitslos gewesen wären, wäre eine Verschlechterung um fünf Prozentpunkte (also von 75% auf 80%) anders zu bewerten als wenn die Quote „vor dem ersten Krisenjahr“ bei einem Viertel (also 25%) gelegen wäre.

Lange Rede kurzer Sinn:  Auch hier fehlen wesentliche Daten, die zu einer Interpretation notwendig wären.

Last but not least: „In den alten Bundesländern haben bereits 15,8 % des Arbeitslosenheeres eine Fachhochschul- oder Hochschulreife […]“ – Aha. Auch diese Zahl kann ich erst interpretieren, wenn ich weiß, wie hoch der Anteil der Abiturienten und Fachabiturienten an der Grundmenge ist. 15,8% des Arbeitslosenheeres erscheint viel, wenn unter allen Erwerbsfähigen nur 7,9% Abi/Fachabi haben (d.h. die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch wie im Schnitt). Umgekehrt: Wenn 31,6% der Erwersfähigen Abi/Fachabi haben, dann ist ihre Quote nur halb so hoch wie der Schnitt, und die Aussage „eine gute schulische Ausbildung schützt längst nicht immer vor Arbeitslosigkeit“ wäre mit viel Vorsicht zu genießen: Einen absoluten Schutz gibt es sowieso nicht, aber eine Verschiebung der Wahrscheinlichkeiten um den Faktor zwei fände ich schon einen ziemlich guten Schutz. Aber da auch hier die Daten fehlen, ist das alles sowieso Spekulation.

Glaube nur der Statistik, die Du selbst gefälscht hast!

Damit haben wir zunächst den ersten Abschnitt erfolgreich seziert. Nächste Frage: Wieviel davon haben die Profi-Journalisten bei Heise und Spiegel mitbekommen?

Der Spiegel-Artikel geht der Frage dezent aus dem Weg: Da etwa die Hälfte des Artikels die „Studie“ des DGB in Bezug setzt zu anderen, ähnlichen, kommt der Spiegel mit wenigen, undifferenzierten Zitaten des Zahlenmaterials aus. In einer Randbemerkung weist der Spiegel auch mit Einschränkungen auf das oben detailliert besprochene Problem hin.

Heise greift meiner Meinung nach zu kurz: Die Zahlen werden weitgehend aus dem DGB-Papier wiedergegeben, ohne sie zu hinterfragen oder in Zusammenhang zu stellen: Alle Argumente oben passen ohne Modifikation auch zum Heise-Artikel.

Was bleibt? – Die traurige Gewissheit, daß Gesellschaften nicht nur die Politiker bekommen, die sie verdienen, sondern auch die Medien 🙁

Und der gute Vorsatz, hier öfter einmal eine Statistik zu sezieren, um das Bewußtsein weiter auszubilden.