Der „Eintritt“ ins heutige Thema war für mich wieder einmal ein Artikel bei Spiegel Online: „Warum Microsoft und Google Twitter brauchen„. Im Prinzip geht es um die Vermischung von Sozialen Medien mit klassischen Medien: Wie weit können soziale Medien die klassischen Medien ersetzen? Tatsache scheint zu sein, daß Twitter, Facebook & Co manchmal die klassischen Nachrichten an Tempo weit überbieten. SPON beschreibt das als „Schreckensszenario aus dem Social Web für alle, die vom Filtern, Einordnen und Präsentieren von Nachrichten leben“.
Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, ob Geschwindigkeit hier tatsächlich der einzige Maßstab ist. Auch dazu gibt es ein aktuelles Beispiel…

Die Interessens-Falle

Denn praktisch gleichzeitig veröffentlicht der Technology Review unter dem Titel „Das Problem mit den Nanorisiken“ sozusagen einen Technik-Kritiker-kritischen Artikel.
Dort wird ausdrücklich darauf zerlegt, daß „die Medien“ kürzlich gehäuft die Risiken von Nano-irdendwas überzeichnet darstellen und halten kompetent und mit Original-Studien dagegen. Ein Fehler, der im Artikel mehrfach angesprochen wird, ist beispielsweise die Verwechslung von Nanoteilchen (egal welcher Herkunft, also bspw. auch aus Autoabgasen) mit Nanotechnologie (alles was kleiner ist als 0,1 millionstel Meter, egal ob Elektronik, Chemie, Biochemie, Medizin etc.). Dabei kommt der Technology Review nicht etwa zu dem Schluß, daß alles gut sei, sondern sie zitieren Alfred Nordmann, daß die Diskussion „problematisch verkürzt“ sei und endet mit.

Eine Debatte – und eine mediale Berichterstattung –, die sich auf mögliche gesundheitliche und ökologische Folgen von Nanomaterialien konzentriert, blendet dehalb wichtige Zukunftsfragen zur Nanotechnik aus.

Interessant ist nicht gleich relevant oder wahr

Das Beispiel mit den Risiken der Nanotechnologie/-materialien zeigt, daß selbst professionelle Journalisten in der heutigen Welt den Überblick verlieren. Sogar meine sonst so vertrauenswürdige Spiegel-Online-Redation hatte es vorübergehend erwischt: ursprünglich hieß es „Umweltbundesamt warnt vor Nanotechnologie„, bis später am gleichen Tag das Thema unter der Überschrift „Umweltamt relativiert Nano-Warnungen“ noch einmal dargestellt wurde.
Wenn nun ein Profi bei seiner Recherche schon eine „Warnung“ mit einem „Hintergrundpapier“ verwechseln kann (und solche Gelegenheiten werden zweifellos häufig genutzt), wie wird das erst in „Social Media“, der Flüsterpost von heute? Hier entsteht ein sehr interessanter Nachrichtenfilter, denn das Zitat „Wenn die Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden.“ (SPON) ist unvollständig. Eigentlich müsste es heißen: Wenn die Nachricht für mich wichtig ist… Es kann also durchaus sein, daß verschiedene Menschen verschiedene Nachrichten bekommen: Ich zum Beispiel über Medienkompetenz, eine Bekannte dagegen über Seifenopern.
So entsteht beispielsweise „kulturelle Inzucht“: Ich als Technik-Kritik-kritischer Mensch (Technik-Freund :-)) werde nur von Technik-freundlichen Nachrichten gefunden, die klassischen Anarchos nur von Regierungskritischen usw. Im Gegensatz dazu bieten die klassischen Medien (wenigstens grundsätzlich) eine Themen-orientierte, halbwegs ausgewogene Berichterstattung.
So entsteht auch eine Verwechslung von interessant und relevant: eigentlich wäre mir eine Zusammenfassung von Nachrichten des Tages lieber als „Alles über Nanotechnik“ – aber wenn mein Twitter-Filter sich indirekt auf eine gewisse Themenmenge eingeschossen hat, kann es durchaus passieren, daß relevante aber außergewöhnliche Nachrichten mich nicht finden, weil sie im Rauschen der interessanten Nachrichten untergehen. Und: Weil sie mich nicht gefunden hat, werde ich auch nicht bemerken, daß mir etwas fehlt!
So entsteht auch eine neue Form der Verfälschung. Durch das typische Zwitschern einer Web-Quelle wird zwar ein wesentlicher Aspekt der guten alten Flüsterpost ausgehebelt, doch ob die Quelle selbst „gut“ war, ist ja noch nicht gesichert: Beispielsweise könnte nur der erste SPON-Artikel über das Umweltbundesamt mich finden und der zweite nicht.

Interessent, Relevant, Richtig

Am Ende wandelt sich auch hier das Recht der Rezipientenfreiheit („das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu informieren“) für jeden einzelnen zur Rezipienten-Pflicht, nämlich zu der moralischen Verpflichtung, sich selbst so gut wie möglich einen Überblick über alle relevanten Nachrichten zu verschaffen und die Richtigkeit zu überprüfen.
Über das hinaus, was uns interessiert.
Über die Nachrichten hinaus, die uns finden.

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