Während ich dies schreibe, kratzt die Feder des Füllers auf dem Papier.

Lärmverschmutzung?

Ein einzelnes Auto fährt vorbei.

Lärmverschmutzung?

Die Heizung blubbert, sie ist wohl nicht richtig entlüftet.

Vor ein paar Tagen hat der Arzt mir wegen einem Ohr-Problem den Flug nach Indien verboten. „Meiden Sie jede akustische Belastung.“

Seitdem bin ich auf Entzugt. Schall-Entzug. Relativ schnell war klar, welche Geräte ich ausschalten will. Kein unnötiger Lärm!

Radio und Fernseher waren sowieso die ersten, dann der Computer (Lüfter!) und die externen Festplatten. Dann wurde es schwierig: Kühlschrank? Das leichte Panflöten-Geräusch im Kamin der Dunstabzugshaube? Nachbarn? Straße? Eisenbahn?

Wie leise können wir modernen Menschen unsere Umwelt überhaupt noch machen? Welche ruhigen Orte gibt es, die ich aufsuchen könnte?

Buchgeschäfte? Nicht schlecht, aber auf dem Weg dahin platzt mir der Kopf. Bibliotheken das gleiche, Kaffees kommen sowieso nicht in Frage.

An der Autobahn gab es doch diesen Erotik-Supermarkt… da war es auch ganz schön still – soweit überhaupt geredet wurde nur im Flüsterton. Aber ein paar Stunden dort abhängen???

Der Schloßgarten! Leicht zu erreichen, schön ruhig, und im Kaffee mittendrinn ist sicher nichts los. Gesagt, getan. Endlich Ruhe?

Irrtum. Dort ist Frühjahrsputz. Alles paar hundert Meter eine hydraulische Hebebühne für die Gärtner, die die Bäume zuschneiden. Dazwischen Kompressoren für die Druckluft-unterstützten Gartenscheren. Sägen. Lieferwagen. Golfwägelchen. München am Stachus, zur Hauptverkehrszeit.

Endlich weiß ich, wie viele Gärtner für so einen schönen Garten im Einsatz sind. Aber gerade heute wollte ich’s eigentlich nicht herausfinden.

Also Zähne zusammenbeissen und durch die Lärmwüste zum Kaffee am anderen Ende. Dort scheinen die Handwerker schon fertig zu sein.

Doch das Kaffee ist geschlossen, und es regnet. Und jetzt?

Die Orangerie! Dort kann es nicht dramatisch kalt sein, und immerhin hat man ein Dach über dem Kopf.

Tatsächlich ist die Orangerie noch besser: Ein Orangerie-Museum, beheizt, eine Insel der Stille mitten im sowieso schon ruhigen Schlossgarten.

Verkehrslärm? – Fehlanzeige

Stimmen? – Bei dem Wetter?

Arbeitslärm? – Glück gehabt, ganz weit weg. Nichts.

Irgendwelche Geräte? – Nein.

Stille.

Nur das Rascheln meines eigenen Gewandes, nur mein eigener Atem.

Und wie um auf die Stille aufmerksam zu machen, alle 15 Minuten ein Glockenschlag in der Ferne.

Oder ein Vogel, ganz selten.

Hier kann man’s aushalten.

Langsam färbt die Stille auch auf die anderen Sinne ab, und sie werden aufmerksamer, schärfer. Die weiß gestrichene Wand hat abgeschlagene Stellen auf einem Poster ist ein Fleck. Dort ist eine Lücke zwischen zwei Parkettdielen, und hier ist ein Fensterladen minimal ungenau gestrichen.

Zwei Stunden sitze ich im Orangeriemuseum, schaue, lausche, lese. Für den Rückweg möchte ich die Mittagspause der Gärtner nutzen, also wird es Zeit. Als ich die Tür öffne, dringen Geräusche herein. Regen. Mehr Vögel als man im Museum gehört hatte. Schritte auf dem Kies (meine eigenen). Ein Elektro-Golfwagen in der Ferne. Auf dem Weg zum Ausgang wird auch der Straßenlärm wieder aufdringlicher. Der Unterschied zwischen „Ampel Rot“ und „Ampel Grün“ ist wie Sandpapier im Vergleich zu Nadeln.

Dann zu meinem eigenen Auto, kurze Erholung: mit geschlossener Tür ist es doch ruhiger. Bis ich den Motor anlasse. Die Lüftung brauche ich nicht, aber der Scheibenwischer muß leider sein.

Dann die Wahnsinnsidee: Um den Supermarkt zu vermeiden zum Fastfood. Es ist bald halb drei, eigentlich müsste es relativ ruhig sein. Blick durchs Fenster: Tatsächlich nur ein paar Tische besetzt. Als ich die Tür öffne, schlägt eine Mischung aus Musik, Küchenlärm und Gesprächsfetzen entgegen. Zum Glück ist meine Bestellung gleich fertig. Wieder „draußen“ kommt mir der Straßenlärm in dem Industriegebiet fast wie Erholung vor. Lärmverschmutzung.

Wie halten wir das eigentlich im Alltag aus?