Manchmal finde ich die Fragen im Forum von Spiegel Online seltsam… Zum Beispiel: „Iran rüstet sich für den asymmetrischen Krieg

Trotzdem:

  1. Man kann über Israel sagen, was man will. Einem ganzen Land die Existenzberechtigung absprechen geht zu weit. Die Drohungen gegen Israel sind ideologisch begründet und somit zunächst glaubhaft motiviert.
  2. Mit ABC-Waffen erscheint mir die dauerhafte Zerstörung Israels in seiner heutigen Form durch die eng taillierte Form des israelischen Staatsgebietes in kürzester Zeit möglich. (Breite Israels lt. Wikipedia: 15km – 135km – zum Vergleich: Der „Totale Zerstörungsradius“ einer A-Bombe kann je nach Konstruktion 10km-20km erreichen).
    Eine Abschreckung durch Israel ist also sinnlos, denn falls die Abschreckung fehlschlägt, ist auch nichts zu Verteidigendes mehr da. Die Welt hat nur eine noch bessere Friedens-Strategie als Abschreckung erfunden, die EU. Aber eine enge Kooperation zwischen Iran und Israel nach dem Modell der EU sehe ich in diesem Jahrzehnt nicht kommen.
  3. Die ganze Auseinandersetzung ist auch vor dem Hintergrund des arabischen Frühlings zu sehen. Aus dieser Perspektive stimmt mich Kommentar #4 (von „Iraner1“) auch nicht optimistischer: Ahmadinedschad kann den Rest der Welt provozieren und dann aus dem selbst provozierten Konflikt heraus sein Volk „einen“. Die resultierende Propaganda ist allerdings ein Ritt auf der Rasierklinge: Zu viel provoziert und USA+Israel marschieren ein (das ist eine Interpretation des zweiten Irak-Krieges). Zu wenig provoziert und es gibt einen weiteren arabischen Frühling.
  4. Weniger „Säbelrasseln“ im Iran hat das Potenzial zu innenpolitischer Instabilität im Spannungsfeld zwischen Säkularen und politischen Islamisten, ähnlich wie sich die Lage in Ägypten gerade entwickelt. Also kann Ahmadinedschad da nicht einfach „Gras drüber wachsen lassen“. Fortlaufendes „Säbelrasseln“ führt allerdings *innenpolitisch* früher oder später zu der Frage: „Wenn wir sowieso so stark sind, warum machen wir (Gegner XYZ, zB Israel) nicht einfach platt?“
  5. Der Nahost-Konflikt ist offensichtlich auf der 6. Konflikteskalationsstufe nach Glasl angekommen (Drohstrategien). Eine weitere Eskalation führt in das Feld der „loose-loose“-Stadien, bei denen eine Konfliktpartei eigene Verluste in Kauf nimmt, nur um der anderen Konfliktpartei zu schaden.
  6. Die strategische Ausrichtung der im Artikel beschriebenen Waffensysteme passen sehr gut sowohl zu dem im Artikel angesprochenen „asymmetrischen Krieg“ gegen wesentlich überlegene Gegner wie die USA oder die NATO, als auch zu bürgerkriegs-artigen Konflikten wie dem arabischen Frühling.
  7. Die Drohung gegen die Straße von Hormus hat dagegen einen eindeutigen Adressaten: Die USA und, vor allem, ihre Verbündeten. Diese Drohung hat das Potenzial dazu, die USA von ihren Verbündeten in der Region zu isolieren. Schließlich ist nicht nur Iran von den Erdöllieferungen durch die Straße von Hormus abhängig, sondern – auf die eine oder andere Weise – auch die wichtigsten Verbündeten der USA. Manche brauchen das Öl, andere das Geld, alle brauchen die Lieferungen. Und die Image-Verschiebung, falls die Blockade auch nur zehn Tage hält, wäre enorm: Der Iran wäre auf einmal überraschend stark, die USA stünden überraschend schwach da. Dass diese Form von Kriegführung die USA schon zu Lande in Schwierigkeiten bringt, ist seit Vietnam bekannt. Dass das alles zur See noch intensiver funktionieren kann, zeigt die Lage in den Piratenhochburgen in Somalia. Bisher hat soviel ich weiß noch niemand einen vorbereiteten Guerilla-Krieg zur See geführt mit einem expliziten Kriegsziel (nämlich die Straße von Hormus zu blockieren). Das hat Potenzial für Überraschungen.

Alles in allem: Die Situation ist instabil. Ahmadinedschad sitzt in der Zwickmühle, er kann das alles jetzt selbst nicht mehr umkehren, egal ob er will oder nicht. Ein Rücktritt Ahmadinedschads würde entweder die internen Spannungen zur Eskalation bringen oder einen neuen Staatschef ins Amt bringen, der durch provokative Außenpolitik die Innenpolitik zusammenhält. Es gibt keinen einfachen De-Eskalationspfad, sogar unter der Annahme der Kooperation aller mächtigen Einzelpersonen. Für „den Westen“ gilt: Eine De-Eskalation ohne Abschreckung (–> BATNA, best alternative to a negotiated agreement) ist aussichtslos.

Aber vielleicht gibt’s ja irgendwo ein hoffnungsvolles Detail, das ich übersehen habe.