Politik ist eine ernste Sache. Stimmt, Herr Augstein.

Darum sollten die Politiker auf die Menschen zugehen anstatt von uns zu erwarten, dass wir kollektiv auf die Politiker zugehen. Die Erfahrung des letzten Jahrzehnts zeigt: Die Mehrheit der Bevölkerung wendet sich von der Politik ab, denn das Gefühl, das der Politik-Medien-Apparat vermittelt ist: Das ist schwer, das ist komplex, und überhaupt sind wir angewiesen auf (die Opposition, die Gewerkschaften, die Unternehmen, die Banken, die Bundesländer, die anderen EU-Staaten, Weltbank, IWF, NATO, UNO). Und weil wir ohne die „anderen“ sowieso nicht vorwärts kommen, ist es nur noch viel schwerer.

Vielleicht ist das der Hintergrund der Talkshow-Demokratie: Im Parlamant ist ja quasi nur das Parlament „unter sich“. Die Sitzungen sind zwar öffentlich, aber gleichzeitig weitgehend irrelevant, denn die wirklich wichtigen Diskussionen finden hinter verschlossenen Türen in Ausschüssen und so weiter statt.

Politik findet inzwischen praktisch nur noch im Austausch mit anderen Akteuren stattfindet: Lobbyorganisationen, NGOs, Staatenbünde wie EU, NATO oder UNO – die Lobbyliste des Deutschen Bundestages ist da nur die Spitze des Eisberges. Immerhin eine Eisbergspitze mit über 2000 Einträgen und weit über 600 Seiten.

Wo, wenn nicht in den politischen Talkshows, treffen sich Vertreter der Organisationen aller Gewichtsklassen öffentlich, um ein Thema zu diskutieren?

Daran wird Stefan Raab auch nichts ändern, wenigstens jetzt nicht. Doch was er tun kann: Er kann den normalen Menschen wieder das Gefühl vermitteln, dass es sich lohnt, tiefer in die Debatte einzusteigen. Er kann die Einstiegshürde für eine fachliche Diskussion senken und das Gefühl vermitteln, dass Politik – allen Vorurteilen zum Trotz – immer noch etwas mit der Bevölkerung zu tun hat.

Wo, wenn nicht bei Stefan Raab, bekommt ein normaler Mensch die Themen mit Leichtigkeit vermittelt? – Damit meine ich eben nicht übervereinfacht (das können alle Sender gleich gut), sondern fachlich richtig und mit Humor präsentiert? Es ist nämlich nur eine Schein-Wahrheit, dass wichtige Themen keine witzigen Aspekte haben oder dass Lustiges nie wichtig sein kann. Wichtig und lustig hat nichts miteinander zu tun, und zwar in diesem Sinn: „wichtig“ bezieht sich auf das Thema selbst, „lustig“ nur auf seine Darstellung. Man kann wichtige Themen lustig darstellen oder humorlos, und es gibt lustige Themen, die wichtig sind, und lustige Themen, die völlig egal sind.

Wichtig und lustig treffen sich an einer anderen Stelle wieder: Unser Gehirn arbeitet am besten, wenn wir fröhlich sind. Also sollten wir vor allem die wichtigen Themen mit gebührender Leichtigkeit diskutieren.

So können wir die Politikverdrossenheit überwinden.

Also: Anstatt über einen Stefan Raab mit seinen Politik-Ambitionen zu lästern, sollten wir ihm dankbar sein: Er hat – als einer von wenigen – die Möglichkeit, die Brücke zwischen dem ernsten, schweren Politikapparat und der Leichtigkeit, nach der die Menschen sich sehnen, wieder zu öffnen.