Neulich brach bei Facebook eine Diskussion über Schwarzarbeit in der Pflege aus. Das Thema ist zu komplex für Facebook-Kommentare.

Es gibt alternative Ideen – aber in Deutschland kein alternatives System, allenfalls Inseln von buurtzorg-Nachahmern die in bestimmten Konstellationen unterstützen können. Leider muss man sagen: buurtzorg kann ein Baustein eines alternativen Systems sein, aber die Ideen sind kein vollständiges System.

Sogar wenn wir jetzt Vollgas geben und alle an einem Strang ziehen, wird es ein paar Jahre dauern bis wir dieses System hier flächendeckend am Laufen haben. Dabei weht der Wind im Moment in eine andere Richtung: Im Moment laufen politische Anstrengungen, die „Qualität in der Pflege“ zu sichern. Das ist grundsätzlich eine gute Idee, läuft aber dem Gedanken von buurtzorg diametral entgegen, denn buurtzorg fördert kreative Einzelfalllösungen, Qualitätssicherung dagegen baut auf Standardisierung auf.

Übrigens, es geht dabei um SEHR viel Geld für SEHR viele verschiedene Interessengruppen. Googelt mal „Gemeinsamer Bundesausschuss“ (G-BA) und macht eine Stakeholder-Analyse dieses Gremiums: Welche Interessensvertreter versuchen, die Entscheidungen des G-BA in welche Richtung zu beeinflussen? Sogar wenn man allen unterstellt dass sie es gut meinen (und ich denke dass das im Allgemeinen auch der Fall ist) ist das unter den Top 3 komplexesten Entscheidungsprozesse die ich kenne – auf Augenhöhe mit der EU.

Exkurs: Wenn wir die medizinische und pflegerische Versorgung in Deutschland verbessern wollen, ist der G-BA die erste Institution, die ersetzt werden müsste. Sie ist meiner Einschätzung nach die Wurzel des aktuellen Systems, doch den G-BA kennt kaum jemand.

Egal: Sogar wenn alle ihre eigenen finanziellen Interessen dem Wohl der Patienten bedingungslos unterordnen (und das ist in dieser Radikalität sicher keine realistische Erwartung – niemand wird fröhlich sagen „ach, meine Firma wird im neuen System nicht mehr benötigt, dann entlasse ich einfach alle meine Mitarbeiter und sperr‘ zu“.) wird es Jahre dauern, bis das neue System steht.

Die Pflege hat keine „Pause“-Taste. Wir können die Pflegebedürftigen nicht in einen Kühlschrank legen bis alle Kompromisse mit allen Interessengruppen ausgeschachert sind, bis all das Geld neu verteilt ist, und dann wieder anfangen. Wer heute pflegebedürftig ist, muss heute gepflegt werden – irgendwie. Und morgen, und übermorgen. Das duldet keinen Aufschub. Und bis das heutige Pflegesystem in ein neues, besseres überführt ist (egal ob buurtzorg oder irgendwas anderes) ist Schwarzarbeit der einzige funktionierende Weg. Die im Ausgangsartikel genannten Zahlen von 1500-2500€ verschleiern dabei die echten Komplikationen, beispielsweise dass die Familie legal angestellten ausländischen Pflegekräften gegenüber nicht weisungsbefugt sind, oder dass echte 24h-Pflege legal nur im Dreischichtbetrieb möglich ist (und dann erreichen wir nach Auskunft eines Pflegedienstes Kosten zwischen 15.000 und 20.000€ im Monat – PLUS Kost und Logis für drei Personen).

Es ist gut dass es alternative Ideen gibt. Es ist grundsätzlich auch gut, dass es Bestrebungen zur Qualitätssicherung gibt. Leider ist gut gemeint nicht unbedingt gut gemacht, „gut gemeint“ ist nicht gut genug, in keinem Modell. Das Themenfeld ist extrem komplex, und die Migration hat es entgegen allen Behauptungen nicht einfacher gemacht. Wenn wir das Feld überhaupt sinnvoll in den Griff bekommen, wird das noch Jahre dauern.

Hmmm… hoffentlich weniger als zwei, drei Jahrzehnte, das wäre so meine Wettervorhersage, wie lange ich selbst noch ohne Pflege aushalten könnte.